Dienstag, 13. März 2018

Der weise Nen und der reitende Bote - Neues aus Nian




Paul M.Belt


Der weise Nen und der reitende Bote      

Einst trug es sich zu, dass der weise Nen zu Hanveria eine Rast einlegte. Von seiner langen Reise durch das Mittelland erschöpft, verzichtete er dennoch auf eine Herberge, die er sich durchaus hätte leisten können. Bescheiden wie er war, zog er es stattdessen vor, einen Bürger der Stadt zu bitten, in einem riesigen Fass Wohnung nehmen zu dürfen, welches jener am Rande seines Grundstücks abgelegt hatte.

Nachdem er einige Tage dort verbracht, sich von den Strapazen erholt und viele Gespräche mit vorbeiziehenden Krämern und Schaffern aller Art geführt hatte, war ihm ein junger Rundeichenreiter aufgefallen, der tagaus, tagein rastlos auf seinem Blatt über die Straßen hinwegsauste und niemals lange an einem Ort verweilte. Augenscheinlich übte dieser den Beruf eines Boten aus, denn fast immer hatte er eine Depesche oder eine kleine Tasche dabei. Verwundert darüber, dass ein Mitglied dieses würdigen Klans sich derart aufführte, beschloss Nen schließlich, sich zu erheben und ihn anzusprechen.

Der Reiter sah von seinem bereits arg mitgenommenen Eichenblatt herunter und landete widerwillig neben Nens Tonne. „Was wünschest du, Fremder?“, fragte er mürrisch. „Ich habe wenig Zeit!“
„Just dies ist der Grund, weshalb ich dich zu sprechen wünschte. Wie kommt es, dass ein ehrenwerter Reiter so durch die Gegend hetzt und nicht einmal mehr die Zeit dafür findet, sein Blatt zu erneuern?“

Seufzend erwiderte der Gefragte: „Meine Aufgabe ist es nun einmal, Botschaften zu übermitteln. Und die jeweiligen Absender und Empfänger haben es meist äußerst eilig dabei. Hierbei nun kommt 
mir meine Fähigkeit des Blattreitens sehr zugute.“ Nervös blickte er auf seinen Kronom und wollte offensichtlich so schnell wie möglich wieder von dannen reiten.

Nen hingegen schien in Grübelei zu verfallen. Die Ungeduld seines Gegenübers steigerte sich ins nahezu Unermessliche, bevor sich plötzlich sein Gesichtsausdruck veränderte und er hervorstieß: „Jetzt erkenne ich dich! Du bist der weise Nen, nicht wahr? Jetzt sag nicht, du hast mir ebenfalls eine Botschaft zu übermitteln, die ich weitertragen darf?“

Nach einer Denkpause blickte Nen dem Reiter tief in die Augen und erwiderte: „Doch. Diese Botschaft ist allerdings nicht für eine einzelne Person, sondern für jeden bestimmt, dessen Leben dadurch geprägt ist, dass er jeden Tag aufs Neue unruhig und gehetzt sein Dasein fristet und sich dabei offensichtlich unwohl fühlt, besonders jedoch für Reiter. Bitte bestelle jedem, der es hören möchte: Nach einem erfolgreichen Ritt muss man den Stiel loslassen um abzusteigen.
(volkstümlich aus dem Mittelland)

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