Dienstag, 24. Oktober 2017

Die Letzten von Madeleine Prahs

Perspektivlosigkeit - oder wie Verzweiflung zusammenschweißt

Autor: Madeleine Prahs
Genre: Belletristik, Roman
Erschienen am: 4. August 2017
ISBN: 978-3-423-28134-8
Verlag: dtv
Format: Hardcover
Preis: 21,00 €

Vorab Hinweis:
Zwar wurde mir vom dtv Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt, dies hat aber keinerlei Einfluss auf meine nachfolgende Meinung und verfolgt auch keinerlei Werbezwecke!

Madeleine Prahs, die nach eigenem Bekunden aus Karl-Marx-Stadt (wohl gemerkt nicht aus Chemnitz!) kommt, war mir bisher als Autorin nicht bekannt. Die Tatsache, dass sie betont, aus Karl-Marx-Stadt zu stammen, machte mich ehrlich gesagt sehr neugierig. Nachdem ich nun meine Neugier befriedigt und ihren morbiden Humor in "Die Letzten" kennenlernen durfte, werde ich wohl bald auch ihren Debütroman "Nachbarn" lesen! Sehr schade finde ich, Madeleine Prahs auf der FBM verpasst zu haben.

Bereits das Cover ist das perfekte Entrée in die Geschichte: eine altmodisch gemusterte, sich ablösende Tapete.

In "Die Letzten" werden die drei übriggebliebenen Mieter eines Altbaus in einem Sanierungsgebiet regelrecht aus dem Haus geekelt. Aufgrund der heterogenen Charaktere, die sich gegenseitig nicht "riechen" können, gegensätzlicher also nicht sein könnten, stehen die Chancen der Immobilienhaie auch gut, ihr Ziel der Entmietung erfolgreich voranzutreiben. Doch nach und nach rücken die drei auf obskure und makabre Art zusammen.

Als Protagonisten hätten wir die krebskranke, verwitwete und pensionierte Lehrerin Elisabeth Buttkies, den unschuldig arbeitslos gewordenen und verlassenen Mittfünfziger Karl Kramer sowie die „in Teilzeit“ studierende Punkerin Jersey. So unterschiedlich die drei auch sind und so wenig sie zueinander passen mögen, haben sie doch einiges gemeinsam: Frustration und Perspektivlosigkeit.

Besonders hervorzuheben ist der regelmäßige Wechsel der Erzählperspektiven. Während die Sichtweisen, Empfindungen und Erlebnisse der drei Protagonisten jeweils aus Sicht des Personalen Erzählers beleuchtet werden, schaltet sich zwischendurch auch das Haus selber als Ich-Erzähler ein. Und als wenn das nicht genug wäre, greift das Haus auch mit seinen begrenzten Mitteln ins Geschehen ein – ohne, dass die drei Mieter etwas davon merken.

Madeleine Prahs versteht es, eine makaber morbide Stimmung aufzubauen, die mich gleichzeitig schmunzeln und die Stirn ob der sozialen Ungerechtigkeit runzeln ließ. Die drei Anti-Helden sind so dermaßen direkt aus dem Leben gegriffen und wirken zugleich leicht überzeichnet, so dass ich als Leser zum einen Parallelen zum wahren Leben ziehen konnte, auf der anderen Seite die Chance bekam, Distanz zu wahren.

Mit großem Geschick schlägt die Autorin den Bogen von den distanzierten Nachbarn, die nach außen nichts gemein haben und sich eigentlich nicht leiden können, zu der Interessengemeinschaft, die gemeinschaftlich revoltiert, ohne klischeehafte Sentimentalität aufkommen zu lassen. Die drei nähern sich nach und nach auf eher rustikale und schonungslose Art und Weise an.

Die Sprache, der sich Madeleine Prahs hierbei bedient, ist ebenso außergewöhnlich wie die Geschichte selbst. Selten habe ich so elegant verpackte Umgangssprache gespickt mit sprachlichen Stilmitteln gelesen. Metaphern, Vergleiche, Hyperbeln, Personifikationen werden so geschickt eingebaut, dass es mir ein wahrer Leseschmaus war. Die zeitweise akzentuierten, stakkatoartigen Sätze geben ihr Übriges dazu.


Fazit:
Schonungslose, sozialkritische Lektüre um drei vom Leben geprägte Außenseiter, die mit einer ungewöhnlichen Rhetorik aufwartet. Wer anspruchsvolle, moderne Literatur mit einem Schuss Morbidität mag, ist hier genau richtig!