Sonntag, 29. Oktober 2017

Die Jahre der Schwalben







  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 06.10.2017
  • Verlag : Aufbau TB
  • ISBN: 9783746633510
  • Flexibler Einband 544 Seiten
  • Genre: Historischer Roman 






Zwischen Pflicht und Liebe

„Ich bin krank Freddy. Was interessiert mich da das Gut?“ (S. 177)
Freddy ist erst 20, als sie ihre Jugendliebe Ax zu Stieglitz heiratet. Leider haben er und ihre Mutter (die diese Ehe unbedingt wollte) ihr verschwiegen, dass Ax als Jugendlicher TBC hatte und diese nun wieder ausgebrochen ist. Jetzt steht sie allein mit dem großen Gut da. Das Personal nimmt sie kaum ernst, denn Ax kurt seit Jahren in Davos und am Toten Meer. Was zu Hause passiert, interessiert ihn nicht – dafür hat er ja Freddy geheiratet! Trotzdem hält sie lange zu ihm. Erst als sie Rudolph von Hauptberge nach Jahren wiedertrifft, wird ihr klar, was ihr durch diese Josephs-Ehe alles entgeht – ein normales Eheleben, körperliche Nähe, Kinder. Aber sie hält zu ihrem Mann, bis er sie wissentlich ansteckt und stirbt. Da Freddy das Gut verlieren würde, wenn sie wieder heiratet und auch Rudolph inzwischen gebunden ist, bleibt sie die nächsten Jahre allein. Mit Gebhard zu Mansfeld kommt die Liebe dann doch wieder in ihr Leben. Alles könnte gut werden, aber da kommt Hitler an die Macht.

„Die Jahre der Schwalben“ ist die Fortsetzung von „Das Lied der Störche“ und der zweite Teil der Trilogie von Ulrike Renk. Er umfasst die Jahre 1930 bis 1944. Obwohl ein dreiviertel Jahr zwischen den Bänden liegt, ist man sofort in der Geschichte drin – so als hätte man Freddy und die anderen nie im Buch zurückgelassen.

Freddy ist eine junge Frau, zerrissen zwischen Pflicht und Liebe. Aber sie wächst an ihren Aufgaben und mit dem Gut zusammen. Aus dem unbekümmerten jungen Mädchen wird sehr schnell eine feinfühlige und strenge, aber gerechte Gutsherrin. Sie geht mit dem Fortschritt und findet es eigentlich ganz gut, dass Ax nicht da ist, um ihr reinzureden. „Dennoch war dies nicht ihr Zuhause, irgendwie war sie immer noch Gast eines unsichtbaren Gastgebers. Ax war wie ein Geist – nicht da, aber ständig präsent.“ (S. 136). Auch ihr Traum von einer großen Familie lässt sich mit nicht verwirklichen.
Zu Beginn hat man noch Mitleid mit Ax, aber das schlägt schnell um. Er wird immer unleidlicher und uninteressierter an ihr und dem Gut. Sie soll hübsch aussehen und repräsentieren. Und ihm natürlich irgendwann Erben schenken.
Eine große Stütze in dieser Zeit ist Freddy ihr Stiefvater Erik, der ihr immer wieder unter die Arme greift. Auch ihre Jugendfreundin Thea steht ihr bei und redet ihr immer wieder gut zu, ein eigenes Leben zu leben: Es ist nichts dabei, sich mit anderen Menschen zu treffen .. Mit dem Ehering hast Du nicht automatisch auch Handschellen angelegt bekommen.“ (S. 68). Leider wurde sie mir (und Freddy) im Laufe der Handlung immer unsympathischer, da sie immer mehr auf Großgrundbesitzerin machte und mit Hitler sympathisierte.
Auch Freddys Mutter Stefanie ist eine Protagonistin gibt, die man aus vollstem Herzen hassen kann – sowas finde ich ja immer toll. Sie steht so gut wie nie hinter ihrer Tochter, wettert gegen Gebhard zu Mansfeld und ist von Hitler und dessen Ideologie total verblendet. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter erkaltet zusehend.

Sehr lebendig, anschaulich und extrem fesselnd schildert die Autorin das Leben auf den verschiedenen Gütern und das Erstarken des Nationalsozialismus und seine Auswirkungen. Obwohl man als Leser natürlich weiß, dass Hitler an die macht und der 2. WK kommt, fiebert man trotzdem mit Freddy und den anderen mit und hofft bis zuletzt, dass alles anders wird. Vor allem die letzten 100 Seiten sind mir ganz schön an die Nieren gegangen.
Mein heimlicher Held ist übrigens Caspar zu Mansfeld – ich verrate allerdings nicht warum, das müsst ihr schon selber nachlesen! Und auch dieser Band endet wieder mit einem ganz fiesen Cliffhanger ...

Mein Fazit: Das Buch ist ein echter Pageturner - ich bin hin und weg! Ganz großes Kino! Hoffentlich wird die Zeit bis zur Fortsetzung nicht so lang.