Donnerstag, 17. August 2017

Lindenreiter und die Abenteurer - Neues aus Nian


 Paul M. Belt

 Lindenreiter und die Abenteurer

Eines kühlen Tages im Herbst, als die Sonne bereits tiefer stand und die Nächte allmählich kalt wurden, ritt Lindenreiter wieder einmal am Ufer des Meeres entlang. Die glitzernde, immer in Bewegung befindliche Oberfläche faszinierte ihn, auch wenn er sich noch niemals getraut hatte, mit seinem Blatt darüber hinwegzuschweben. So schön das Wasser war, so unangenehm würde es sein, entfernt vom Strand die Konzentration zu verlieren und in das kalte Nass hinabzustürzen. Auch wusste Lindenreiter nicht, ob das Reiten über Wasser überhaupt längere Zeit funktionierte. So beschränkte er sich darauf, den Strand entlangzuschweben. Jedes Mal, wenn er einen Reisenden oder einen Fischer traf, geschahen zwei mögliche Dinge: entweder wurde er mit begeisterten Rufen winkend begrüßt oder mit großen Augen ungläubig, erschrocken oder manchmal auch neidisch angestarrt, denn dass ein Mensch über die Lande reiten konnte, war zu dieser Zeit in Nian noch weitgehend unbekannt.

An jenem Tage nun geschah es, dass Lindenreiter auf dem Meer ein kleines Schiff erspähte. Dies war an sich nichts Ungewöhnliches, seit Urzeiten hatten die Bewohner des Landes gelernt, über das Meer zu fahren, um dort zu fischen oder ihre Neugierde zu stillen, was sich wohl jenseits der weiten Wasserfläche befinden mochte. Dieses Schiff jedoch schien in Seenot geraten zu sein – deutlich war zu erkennen, dass es schräg auf dem Wasser lag und auf seinem kleinen Deck einige Menschen hektisch hin und her rannten.

Ohne nachzudenken lenkte Lindenreiter sein Blatt in Richtung des Kahns. Als die Mannschaft ihn bemerkte, schrien sie und deuteten in den Himmel. Ganz offensichtlich war ihnen, als hätten sie einen Grusling gesehen, denn anstatt mit ihren Rettungsversuchen fortzufahren, fielen sie auf die Knie und sahen nach oben. Kopfschüttelnd ließ der Junge sein Blatt herabsinken, bis er die Rufe der Männer verstehen konnte. „Es ist der Klabastermann! Nun holt er uns!“, und: „Wir sind verloren! Niemand kann uns jetzt noch retten!“, riefen sie entsetzt.

„Was soll dieser Unsinn? Sehe ich vielleicht aus wie Dioblas?“, brüllte Lindenreiter mit seiner hellen Stimme zurück.

„Du kommst geschwebt wie der Oberste der dunklen Angelen“, erwiderte laut der Maat des Schiffes. „Willst du uns denn nicht in die Tiefe reißen?“

Der Junge hatte davon gehört, dass Seefahrer sehr abergläubisch waren. Ganz offensichtlich traf das auf diese Mannschaft zu, auch wenn er sich vorstellen konnte, dass es seltsam sein musste, jemand durch die Lüfte segeln zu sehen, wenn man dies nicht oder nur vom Hörensagen kannte. So antwortete er: „Im Gegenteil, mein Wunsch ist es, dass ihr Eure Fahrt unbeschadet fortsetzen könnt! Wohin soll es denn eigentlich gehen und was ist geschehen?“

„So bist du ein Wesen des Lichts!“, rief der Bootsmann erleichtert. „Wir sind auf dem Wege nach Übersee, um dort unser Glück zu suchen, so es denn das sagenhafte Land dort wirklich gibt. Die Altvorderen berichten von Gebäuden hoch wie Berge und Tieren so gewaltig wie Bäume, außerdem von Riesen, die in Tälern voll Gold und Flüssen geschmolzenen Silbers leben!“

Ja, von solchen Dingen war dem Jungen ebenfalls etwas zu Ohren gekommen. Dies waren tatsächlich einige der Wagemutigen, von denen in der Schule erzählt wurde! Der Maat setzte seine Rede fort: „Dann aber sind wir auf eine Untiefe gelaufen. Nun ist unsere Bordwand unter Wasser leckgeschlagen, wir krängen stark nach Backbord und die Männer kommen mit dem Lenzen nicht nach, geschweige denn, dass wir die Möglichkeit zu einer Reparatur hätten. Das Schiff aufzugeben jedoch brächte lebenslange Schande über uns, lieber würden wir ersaufen. Bist du aber, was du zu sein scheinst, dann errette uns bitte aus unserer Not!“

Lindenreiter dachte kurz nach, während er die nächste Schleife um den vom Kentern bedrohten Kahn zog. Er war fasziniert: Noch nie hatte ihn jemand für den Vertreter einer höheren Macht gehalten. Dazu war er viel zu jung, auch wenn er etwas tat, was bisher womöglich niemand anders vermochte. Wie aber sollte er diesen Seeleuten helfen? Plötzlich schoss ihm ein Einfall durch den Kopf. Innerlich lächelnd zog er das Blatt nach links, überquerte das Deck des Schiffes, welches immer mehr Schlagseite bekam, und rief mit lauter Stimme und einer erhobenen Hand: „So gebe euch die Große Mutter nun die Kraft, euer Schiff flott zu bekommen und weiterzureisen!“

Der Bootsmann wandte sich mit leuchtenden Augen an seine Männer: „Ihr habt ihn gehört! Also los, hoch mit euch, verdoppelt eure Anstrengungen! Die Große Mutter ist mit uns!“

Rasch sprangen die Matrosen auf ihre Füße und schöpften von nun an das Wasser schneller aus dem Schiffsrumpf, als dieser volllief. Binnen weniger Langzeiten war es möglich, das Leck im Unterwasserschiff fachmännisch abzudichten, und die Abenteurer konnten ihren Weg gen Osten fortsetzen. Viele Tage später erreichten sie abgekämpft die Küste eines fernen Landes, wo sie tatsächlich viele der Wunder vorfanden, von denen die Ahnen berichtet hatten, so zum Beispiel gigantische Tiere und Riesen, die allerdings nicht nur freundlich auf den Besuch reagierten. Täler voll Gold und Flüsse von Silber existierten dort aber nicht. Jedoch bekamen einige Mitglieder der Mannschaft Gelegenheit, von einem Jungen zu berichten, der ihnen über das Meer schwebend erschienen war und ihnen die Rettung gebracht hatte.

Lindenreiter jedoch war unmittelbar, nachdem er den Mut der Seeleute hatte stärken können, zum Strand zurückgekehrt. Dort landete er und beobachtete noch eine Weile, wie sich das Schiff allmählich wieder aufrichtete und Fahrt aufnahm. Als ihm bewusst wurde, was er gerade getan hatte, wurde ihm abwechselnd heiß und kalt und er hatte zunächst Schwierigkeiten damit, sein Blatt wieder in die Lüfte zu bringen. Dann aber spürte er neuen Frieden in sich und ritt seines Weges.

Dank dieser Begebenheit wusste Lindenreiter nun, dass man auch über Wasser reiten und dass man Vertrauen in sich finden sowie in anderen Menschen erwecken kann.

(nach einer Erzählung von Jörn Dilowek, Lekur des Klans der Loge der Eschenreiter zu Tarenstedt im Mittelland)