Donnerstag, 22. Juni 2017

Der suchende Lekur - Neues aus Nian




von Paul M. Belt

Der suchende Lekur

Einst trug es sich zu, dass ein frischgebackener Lekur der Erlenreiter aus Borheim durchs Land zog, um sich dem Studium des Wesens der Liebe zu widmen. In seiner Loge war nämlich die Frage aufgetaucht, was Liebe im Sinne der Ideale des Reitertums bedeute, und es konnte Monde lang keine zufriedenstellende Antwort gefunden werden. So war man übereingekommen, einen Forscher abzustellen, um die Frage zu klären.
Der Lekur, ein junger und fröhlicher, aber auch nachdenklicher Mann, bevorzugte es, am Ufer des Rhevons entlangzureisen. Er hatte bereits das Bielfurter Land durchzogen und viele Städte und Dörfer besucht, als er Hanveria erreichte. Diese große Stadt mit ihrem Getümmel war nicht der Ort, an welchem er seine Studien fortsetzen wollte, weshalb er sie in Richtung Osten wieder verließ. Am Stadtrand gesellte sich ein schweigsamer Wanderer in einem alten, abgewetzten Gewand zu ihm. Ein, zwei Langmaße legten sie wortlos zurück, bis der Wanderer ihn schließlich doch ansprach: „Wohin des Wegs, edler Geselle?“
„Oh, ein besonderes Ziel habe ich nicht. Ich widme mich dem Studium allumfassender Liebe“, erwiderte der Lekur. „Es ist allerdings nicht nötig, mich ‚edel‘ zu nennen. Ich bin nur ein einfacher Lekur der Erlenreiterloge zu Borheim.“
„So bist du ein edler Reiter“, sprach der Wanderer. „Was jedoch redest du von Liebe? Ist denn nicht offensichtlich, was mit diesem Begriffe gemeint ist?“
Daraufhin berichtete ihm der Lekur von den Unstimmigkeiten in seiner Loge zu diesem Thema. Kaum hatte er seine Rede beendet, lachte der Wanderer laut. „Nichts Einfacheres gibt es auf der Welt als die Frage nach der Liebe! Sie bedeutet, dass man sich gegenseitig hilft, stützt und einander von Herzen gern Wünsche erfüllt. Der Reiche dem Armen, der Starke dem Schwachen, je nachdem, was derjenige zu geben imstande ist.“
Nachdenklich hörte der Lekur den Ausführungen des Wanderers zu, während er weiterhin unablässig einen Fuß vor den anderen setzte. Nach einer Weile erreichten sie gemeinsam eine Wegkreuzung, an der sich ein Gasthaus befand. „Mich dürstet“, sprach der Wanderer mit rauer Kehle. „Wollen wir dort nicht einkehren? Mein Säckel ist seit geraumer Zeit leer, und du könntest dein Studium ganz praktisch fortsetzen, indem du das Deine mit mir teilst.“
Der Lekur ließ sich überzeugen und nahm gemeinsam mit seinem Gegenüber an einem freien Tisch Platz. Eine gewaltige Mahlzeit und viele kühle Getränke später hatte sich der Tag geneigt, und der Wanderer schlug vor, an Ort und Stelle zu nächtigen. Dem Lekur war es recht, und so setzten beide ihren Weg nach Osten erst am nächsten Tag fort. Durch die Flecken Heldeshausen und Pajina führte sie ihr Weg, jedes einzelne Mal übernahm der Lekur die Kosten für seine eigenen Speisen und gefüllten Becher wie auch für die des Wanderers. Als die beiden am Abend jedoch die Vororte von Bursiga erreichten und der Wanderer erneut vorschlug, in einem Wirthaus zu speisen und zu nächtigen, runzelte der Lekur die Stirn und hob an zu sprechen: „Bitte, sagtest du nicht, dass Liebe bedeute, sich gegenseitig zu helfen? Mir dünkt es allerdings so, als ob die Unterstützung zurzeit sehr einseitig flösse.“
„Stimmtest du nicht mit mir überein, dass der Reiche dem Armen, der Starke dem Schwachen helfen solle?“, erwiderte der Wanderer. „Ich sagte dir doch, mein Säckel ist bereits seit langer Zeit leer.“
Schweigend betraten sie das Gasthaus und blieben auch dort über Nacht. Am nächsten Morgen machten sie sich beide in die Stadt auf. Auf dem dortigen zentralen Marktplatz meinte der Wanderer auf einmal: „Sieh nur, die Pfannenkuchen und die gebratenen Flussfische - und dort, sogar Süßspeisen haben sie hier! Meldet sich da nicht dein Magen und verlangt nach dem, was ihm zusteht?“
„Doch“, entgegnete der Lekur bitter. „Jedoch habe ich nun nicht mehr die Möglichkeit, unseren Hunger zu stillen. Das Mahl und die Übernachtung im Wirtshaus haben mein Säckel nunmehr genauso leer gemacht wie deins.“
„Nun, so scheint sich dein Vorrat an Liebe erschöpft zu haben. Dann werde ich wie auch schon vorher mein Dasein als Wanderer allein fristen. Gehab dich wohl“, sagte der Wanderer und wandte sich zum Gehen.
„Das ist unerhört! So haben wir nicht gewettet!“, ließ der Lekur laut seine Stimme erschallen. „Mir deucht es nunmehr, als seist du bloß ein dahergelaufener Trugkerl!“ Doch der Wanderer lachte nur ein raspelndes, hämisches Lachen und war kurz danach hinter der nächsten Ecke verschwunden.
Tief betrübt stand der Lekur am Rand des Marktplatzes und wusste nicht recht, was er denken sollte. Enttäuschung, Wut, Verständnislosigkeit - alles schien sich in seinem Herzen zu vermischen. War er nicht losgezogen, um Liebe zu verstehen? Wie Liebe jedoch fühlte sich dies ganz und gar nicht an. So stand er viele Mittelzeiten lang dort, als er auf einmal eine Hand auf seinem Arm spürte. Erschrocken fuhr er herum und erblickte ein kleines altes Mütterchen, das ihm wortlos einen Pfannenkuchen darbot. „Nun“, dachte er sich, „bevor ich hier noch zu verschmachten drohe, werde ich lieber zugreifen.“ Gierig schlang er den Fladen herunter und sah anschließend der alten Frau dankbar ins Gesicht. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, begann das Mütterchen zu sprechen und fragte: „Meinst du, dass dies ein Akt der Liebe war?“
Der verwunderte Lekur antwortete: „Sicher. Du hast mir in der Not geholfen. Dafür bin ich dir ehrlich dankbar.“
„Ich weiß“, entgegnete die dünne Stimme der alten Frau. „Sonst hätte ich dir auch nichts gegeben. Von der Liebe schwatzen und schwadronieren tun viele. Aber wer versteht sie schon?“
„Tust du es denn?“
Das Mütterchen bekam ein Lächeln auf dem faltigen Gesicht. Sie sagte: „Nur so viel: Wärst du der Wanderer, hätte ich dir nicht helfen können. Keine Gabe an ihn geschah aus Liebe. Denn niemand von euch hat aus ihr heraus gehandelt, weder er noch du.“
„Ich?“ Der Lekur stutzte. „War denn nicht alles, was ich gab, von Herzen getan?“
„Ja - und nein.“ Das Lächeln der Frau wurde nun melancholisch. „Man kann Liebe, speziell Nächstenliebe, nur verstehen, wenn man seinen Nächsten tatsächlich liebt. Du aber hast den wichtigsten Nächsten bisher vergessen.“ Als der Lekur nur verwirrt dreinblickte, fügte sie hinzu: „Ohne Selbstliebe ist Liebe nicht vollständig. Niemandem ist geholfen, wenn sich eine Seite ausnutzen lässt, und sei es noch so gut gemeint.“
Die Gesichtszüge des Lekurs hellten sich auf. Das war es - nicht nur sein Hunger war gestillt, auch die Antwort auf seine Frage hatte ihn gefunden! Nun konnte er sie sehen - den Kräuterbusch am Marktrand, der das Wasser der Erde trank, den Vogel, der seine Pollen fraß und sich in die Lüfte unter einen blauen Himmel erhob, von dem die Sonne herunterschien und die Stadt mit ihrem wärmenden Licht übergoss. Alles schenkte und wurde beschenkt in einem ewigen Kreislauf. Der Lekur drehte seinen Kopf erneut zum Mütterchen hin, um sie nach der Sonne zu fragen, doch dort war niemand mehr. Nur sein Herz antwortete ihm: „Die Sonne ist und bleibt - ebenso wie die Große Mutter. Auch für dich ist gesorgt.“
Lächelnd nickte er. Nun konnte er frohgemut und voll Vertrauen seinen Rückweg antreten.