Dienstag, 2. Mai 2017

Reise durch die Nachkriegsjahre


Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 01.03.2017
  • Aktuelle Ausgabe : 01.03.2017
  • Verlag : Berlin Verlag
  • ISBN: 9783827013316
  • Fester Einband 352 Seiten
  • Genre:Sachbuch
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"Hinter der Tür warten die Gespenster" habe ich auf der Leipziger Buchmesse 2017 am Stand des Piper Verlags entdeckt.

Das deutsche Familiendrama der Nachkriegszeit sprach mich sofort an. Vom Autor Florian Huber hatte ich noch nicht gehört. 

Um es vorwegzunehmen, das Buch ist kein Roman, geht eher in Richtung Sachbuch und enthält eine Sammlung von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Erinnerungen aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg. 

Es sind Erlebnisse von Helden und Antihelden, in deren Mittelpunkt ihre Familien stehen. In kurzen Abschnitten geht der Autor auf einzelne Familienschicksale ein, die er im Laufe des Buches immer wieder aufgreift. 
Manches ist schockierend und berührend zugleich. 
Als Beispiel möchte ich die Geschichte der Familie Ludin erwähnen, die mich schon sehr zum Nachdenken angeregt hat. Hanns Elard Ludin war als Gesandter des deutschen Reiches in der Slowakei für die Deportation von 70000 Juden politisch verantwortlich und wurde dafür zum Tode verurteilt. Und doch war Hanns auch ein vielfacher Familienvater, der geliebt hat und zurückgeliebt wurde. Seine Gedanken und Gefühle in den letzten Stunden seines Lebens sind mir nahegegangen. 
Auch die im Buch beschriebene Entnazifizierung empfand ich als Farce. Sicher wurden Exempel statuiert, aber mit einer netten Empfehlung unter Freunden wurde man freigesprochen. Die Menschen versteckten sich gern hinter ihrem Idealismus, nach dem Motto "Verdrängen und Schweigen". 
Ein Zitat aus dem Buch fand ich in diesem Zusammenhang so treffend und wahrscheinlich ist es kennzeichnend für endende Epochen der Geschichte. 

"Aber die Ehemaligen saßen nicht nur in den Ministerial- und Abgeordnetenbüros. Man sah sie in schwarzen Roben und weißen Kitteln in den deutschen Gerichts- und Krankenhausfluren, wo sie im dritten Reich das Recht des Stärkeren und die Medizin des Höherwertigen  praktiziert haben." 


Der Krieg hat die Familien schwer belastet. Während die Frauen versucht haben, sich allein mit ihren Kindern durch die schwere Zeit zu kämpfen, kehrten die Männer nach Kriegsende und Gefangenschaft, als Wracks und gebrochene Männer in den Schoß der Familie zurück. Man war sich sehr fremd geworden. 

Die Nachkriegsjugend wuchs heran, Halbstarke mit ihren Motorrädern, die zum Schrecken der 50er Jahre wurden.

Florian Huber gelingt es vortrefflich, den Leser mit seinen Texten in die Zeit nach 1945 zu versetzten. Er hat einen intelligenten Sprachstil, der auch für einen "Nichtfachmann" anschaulich und gut verständlich zu lesen ist. Es ist eine Enzyklopädie entstanden, die die Entwicklungen der Frauen, Männer und Kinder in dieser Epoche auf bemerkenswerte Weise widerspiegelt. 
Am Ende des Buches findet der Leser tabellarisch aufgelistete Zitatnachweise sowie ein umfangreiches Quellenverzeichnis.
Diese ergreifende Lesereise durch die Nachkriegsjahre konnte mich fesseln und meinen Blick für das damalige Zeitgeschehen schärfen. Viele interessante Informationen und Gedanken nehme ich mit.
Meine 5 Sterne-Leseempfehlung!