Donnerstag, 13. April 2017

Wenn ich jetzt nicht gehe

Starker Beginn, tolle Sprache


von María Dueñas


Gebundene Ausgabe: 589 Seiten
Verlag: Insel Verlag
ISBN-13: 9783458177029
Genre: Roman

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Mauro Larrea, der sich vom einfachen Bergmann zu einem der reichsten Männer Mexiko-Stadts hochgearbeitet hat, steht vor den Trümmern seiner Existenz. Eine einzige Fehlentscheidung und alles liegt in Scherben?


Mauro verkauft alles, was geht, verpfändet seine Stadtvilla und macht sich auf, erneut sein Glück zu suchen und zu retten, was noch zu retten ist. Kann die schöne und stolze Soledad Montalvo ihm helfen sein Ziel zu erreichen oder legt sie ihm zusätzliche Steine in den Weg?

María Dueñas hat einen wunderbaren Schreibstil, der mit Leichtigkeit Bilder in meinem Kopf erzeugen konnte. Gerade die beschrieben Städte - Havanna, Cadiz, Jerez - sind vor meinem geistigen Auge zum Leben erwacht und die Lebendigkeit, Quirligkeit und der Hauch von Exotik waren beinahe greifbar. Ich war nie in einer der genannten Städte, doch die Beschreibungen wirken auf mich sehr authentisch und es würde mich durchaus reizen, mal eine zu einem Urlaubsziel zu machen.

Die Geschichte spielt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und beginnt sehr ruhig. In der ersten Hälfte passiert relativ wenig und der Leser erfährt erst einmal einiges über Mauro und seinen bisherigen Lebensweg. Durch die wunderschöne, teils poetische Sprache hat es dennoch Spaß gemacht in die Geschichte einzutauchen und es wurde niemals langweilig. Im Gegenteil: die Autorin schafft es mit einem simplen Billiardspiel so viel Spannung zu erzeugen, dass ich nur so durch die Seiten geflogen bin.

In der zweiten Hälfte lässt die Ruhe zunehmends nach und die Ereignisse überschlagen sich regelrecht. Auch wenn der Stil unverändert toll war, so wirkte manches überzogen und trotz der vielen Dramatik ließ die Spannung nach. Für mich hätte es viele der Verwicklungen gar nicht gebraucht. Ich fand es sehr schade, dass sich der Fokus langsam verschoben hat. Mauros Geschichte und sein eigentliches Ziel treten zunehmend in den Hintergrund und es dreht sich mehr um die Geheimnisse und Intrigen innerhalb der Familie Montalvo.

Soledad Montalvo wird für Mauro zu einem Dreh-und Angelpunkt. Sie ist eine starke Frau, die sehr genau weiß was sie will. Sie war mir zwar nicht unsympathisch, aber wirklich gemocht habe ich sie auch nicht. Einerseits ist es schon bewundernswert, was sie alles geleistet hat, andererseits ist sie auch manipulativ und und kann gut mit dem Image der armen unschuldigen Frau spielen.

Mauro selbst ist ein Mensch, der einen gewissen Status zwar durchaus schätzt, der aber dennoch genau weiß, wie es ist, selbst arbeiten zu müssen. Er trifft nicht immer die richtigen Entscheidungen, weder für sich persönlich noch moralisch, dennoch ist es meist leicht nachzuvollziehen weshalb er so handelt, wie er es tut. Das macht ihn zu einem angenehmen Protagonisten.

Doch auch die Nebenfiguren wirkten lebendig und konnten mich mit wenigen Ausnahmen überzeugen. Daher finde ich es sehr schade, dass mich die Handung nicht ebenso überzeugen konnte. Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde gelesen und jemand hat die Verwicklungen mit einer spanischen Seifenoper verglichen, was es meiner Meinung nach perfekt trifft. Etwas weniger Drama wäre besser gewesen, gerade gegen Ende gab es ein, zwei haarsträubende Szenen. Das letzte Kaptitel hat mich zum Glück mit den vorangegangenen ein wenig versöhnt, so dass ich das Buch mit einem guten Gefühl beendet habe.
 
Mein Fazit: "Wenn ich jetzt nicht gehe" entführt den Leser in eine andere Zeit und eine andere Welt. Gekonnt fängt María Dueñas den Flair in der alten und neuen Welt ein und bringt mit Mauro Larrea keinen einfachen, doch interessanten Protagonisten. Allein für den Stil und die grandiose Billiardpartie würde ich gerne fünf von fünf Sternen vergeben, doch leider konnte mich die Entwicklung der Geschichte nicht ebenso begeistern, weshalb es von mir letztlich nur dreieinhalb bis vier Sterne gibt.