Mittwoch, 19. April 2017

Weiße Rosen und die Titanic - von Christiane Lind



Neubeginn und Untergang dicht beieinander


Autor: Christiane Linde
Genre: Historischer Roman
Format: Taschenbuch
Umfang: 342 Seiten
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
erschienen am: 11. März 2017
ISBN-13: 978-1543055566
Preis: 9,99 €




Christiane Lind hat sich mit ihrem Buch „Weiße Rosen und die Titanic“ an ein Thema herangetraut, das zumindest bei mir spontan starke Assoziationen zum berühmten Hollywood Filmdrama „Titanic“ hervorrief und diesem Vergleich natürlich standhalten oder eine komplett andere Story bieten musste. Ich war daher sehr gespannt, inwieweit es der Autorin gelingen würde, mich hier zu überzeugen und zu begeistern.

Im Prolog blicken wir auf drei Kinder: ein Junge und zwei Mädchen. Der Junge hofft auf die Gunst des besser gestellten Mädchens, das offensichtlich mit der Tochter einer Hausangestellten befreundet ist. Die beiden Mädchen nehmen den Jungen „auf die Schippe“, was diesen sehr demütigt.

Dann begeben wir uns ins Berlin des Jahres 1912. Hier lebt die Adelige Paula von Sablonski gemeinsam mit ihrer Freundin Luise Depner in recht einfachen, aber dennoch glücklichen Verhältnissen. Die beiden, die sich schon aus Kindertagen kennen, haben ihren Lebenstraum – gegen den Willen von Paulas Familie – in die Tat umgesetzt. Paula agiert erfolgreich als Schauspielerin am Theater und hat viele Verehrer. Nun soll sie sogar die weibliche Hauptrolle im nächsten Stück übernehmen. Luise verwirklicht sich als Kostümbildnerin am selbigen Theater. Lästig erscheint lediglich ein unbekannter Verehrer, der Paula allabendlich einen riesigen Strauß weißer Rosen in die Garderobe schickt, obwohl Paula weiße Rosen hasst. Ganz anders wirkt da das Präsent eines amerikanischen Verehrers, der eher wie ein Freund der beiden wirkt. Er lässt Paula eine Schiffspassage erster Klasse zukommen. Auch Louise soll mitkommen. Doch die beiden sehen keinen Grund, die Reise anzutreten, läuft doch gerade alles so perfekt für sie.

Plötzlich wendet sich das Blatt. Völlig unvorhergesehen erhalten sowohl Paula als auch Luise die Kündigung vom Theater. Als ihnen schließlich noch die Wohnung gekündigt und Paula polizeilich wegen eines angeblich durch sie gefälschten Schuldscheins gesucht wird, erscheinen die zwei Tickets wie ein Rettungsanker. Also begeben sich die beiden jungen Frauen auf eine abenteuerliche Reise. Doch die Jungfernfahrt auf der Titanic gestaltet sich so ganz anders, als Paula und Luise es sich vorgestellt hatten. An Bord beginnt ein Katz und Maus Spiel, denn plötzlich steht ein Strauß weißer Rosen in der Kabine der beiden ...

Christiane Lind versteht es, den Leser mit ihrem ansprechenden und fließenden Schreibstil direkt ins Geschehen eintauchen zu lassen. Sie erzeugt durch ihre bildhafte Sprache eine Atmosphäre, die einen in eine andere Zeit und Welt versetzt. So ist es nicht verwunderlich, dass die Seiten nur so dahinfliegen. Auch wenn es dem Roman aus meiner Sicht an manchen Stellen an Tiefe fehlt – denn in einigen Passagen war die Handlung aus meiner Sicht vorhersehbar und ein wenig konstruiert–war die Story doch sehr unterhaltsam und kurzweilig.
Christiane Lind schaffte es, mich in die Welt des frühen 20. Jahrhunderts zu entführen. Auch die Assoziationen zum berühmten Film, die spätestens beim Betreten und während des Rundgangs auf der Titanic wieder erwachten, empfand ich nicht als störend und ablenkend. Im Gegenteil. Irgendwie hatte ich das Gefühl mich in einer Parallelhandlung zur Liebesgeschichte von Leonardo di Caprio und Kate Winslet zu befinden. Ich traf quasi auf alte Bekannte, als Thomas Andrews, Bruce Ismay oder Molly Brown in Aktion traten. Es hätte mich auch nicht befremdet, wenn leise im Hintergrund „My heart will go on“ eingespielt worden und Rose De Witt Bukater mit Jack Dawson vorbei geschlendert wären. Was Rose ihr Cal, war Paula ihr Ferdinand. Auch die obligatorische Liebesgeschichte fehlte nicht.
Vor allem im letzten Drittel, als das unvermeidbare Unglück geschah und die Titanic den Eisberg rammte, war ich mitten drin im entsetzlichen Geschehen, auf dem riesigen, verlorenen Dampfer. Sehr real empfand ich die Schilderungen, dass viele Passagiere das Ausmaß der Katastrophe erst begriffen, als es zu spät war. Ebenso ließen mich die Beschreibungen der eiskalten Fluten und die Situationen in dem Rettungsboot frieren, zittern und erschaudern. Ich spürte förmlich die Todesangst und war entsetzt über so manche Impertinenz und Blasiertheit …
Neben den fiktiven Personen hat Christiane Lind - genau wie im berühmten Hollywood Klassiker - bekannte Persönlichkeiten, die damals tatsächlich auf der Titanic reisten, im Plot zu neuem Leben erweckt. Neben den bereits Erwähnten wie Molly Brown, Ismay und Andrews, waren beispielsweise auch Madeleine Astor, Helen Candee oder das Ehepaar Straus an Bord. Doch die Protagonistinnen Paula und Luise standen im Vordergrund und waren als sympathische, mutige Charaktere gezeichnet, die so manche Herausforderung meistern und sich oft selbst überwinden mussten. Mit wem ich gar nicht warm wurde – und das nicht aufgrund seiner unsympathischen Rolle als Fiesling – war Ferdinand. Zu diesem Charakter erhielt ich so gar keinen Zugang, erschien er mir doch zu gestelzt und konstruiert. Erfrischend und natürlich erschienen dagegen die beiden Kinder Gretchen und Harri, Passagiere der dritten Klasse oder der Stewart Leonard, waren doch auch diese sehr liebevoll gezeichnet. Entzückend war der kleine, freche Hund Valentino sowie die wilde Schiffskatze Jenny – natürlich eine Katze als Markenzeichen von Christiane Lind.

Fazit:
Ein unterhaltsamer Roman, dessen Plot stellenweise wie eine Parallelhandlung zum Hollywood Klassiker „Titanic“ wirkte und doch Eigenständigkeit bewies, versetzte mich erneut an Bord des Schicksal-Dampfers. Auch wenn ich in manchen Passagen die bei Christiane Lind gewohnte Tiefe vermisste, schaffte es die Autorin, mich gut zu unterhalten und in eine andere Welt zu entführen.