Dienstag, 11. April 2017

It Can't Happen Here

Schwierige Lektüre, erschreckend aktuell



von Sinclair Lewis


Taschenbuch: 400 Seiten
Verlag: Penguin Classics
Sprache: Englisch
ISBN-13: 9780241310663
Genre: Roman/ Klassiker

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Was kaum jemand für möglich gehalten hat, ist wahr geworden: Buzz Windrip ist zum neuen, amerikanischen Präsidenten gewählt worden. Sein 15-Punkte-Plan, der zwar frauen-, ausländer- und judenfeindlich ist, aber Amerika wieder stolz machen und in ein blühendes Land verwandeln soll, wird offenbar begeistert aufgenommen.

Doch schon bald nach der Wahl zeigt sich, dass das Leben nicht für alle besser wird. Wer anders denkt und nicht mit dem Strom schwimmt, der bekommt es nur allzu schnell mit Windrips Handlangern, den Minute Men, zu tun. Gleichschaltung - und wer stört wird einfach ausgeschaltet, gleich ob ehemaliger Freund oder Feind. Bücherverbrennung, politische Neustrukturierung, Einschnitte in der Bildung. Schnell wandelt sich das freie Amerika in einen autoritären Staat.

Auch der Journalist Doremus Jessup sieht lange Zeit beinahe ohnmächtig zu. Kann das wirklch wahr sein? Kann nichts mehr unternommen werden?

Sinclair Lewis, der bereits 1930 den Literaturnobelpreis"für seine starke und lebendige  Schilderungskunst, nebst dem Talent, mit Witz und Humor Typen zu schaffen“ (Begründung des Nobelkomitees) bekommen hat, schrieb "It can't happen here" 1935. Sein Ziel war wohl einerseits die Warnung vor ähnlichen Entwicklungen wie in Deutschland und Europa, über welche er vermutlich durch seine Frau Dorothy Thompson recht gut im Bilde war, sowie - damit einhergehend - in gewissen Maße auch der Versuch die 1936 anstehende Präsidentschaftswahl zu beeinflussen.

In der Tat ist das von ihm entworfene Szenario zwar in Teilen überspitzt dargestellt und teilweise eine Politsatire, dennoch wissen wir aus der Geschichte, dass sich Ähnliches nur zu leicht ereignen kann. Gerade zu Beginn des Romans fühlte ich mich unweigerlich an die aktuelle Situation in den USA, aber auch an die in der Türkei, erinnert. Buzz‘ Forderungen waren schon ein wenig unheimlich zu lesen, besonders wenn man die Wahlversprechen der letzten US-Präsidentschaftswahl vor Augen hat. Sicher sind sie nicht identisch, aber eine gewisse Gemeinsamkeit ist nicht zu übersehen.

Nachdem ich mich bei den ersten Seiten noch gefragt habe, ob ich es bis zum Ende durchhalte, habe ich mich mit jeder Seite mehr eingelesen und kam insgesamt mit dem Stil gut zurecht, auch wenn ich ihn bis zum Ende als sperrig und ungelenk empfunden habe und nur hin und wieder etwas von der Schilderungskunst, die das Nobelkomitee gewürdigt hat, finden konnte. Ein wenig habe ich sie in der Ironie bzw. dem Sarkasmus von Doremus gespürt.

Dennoch war ich streckenweise richtig gefesselt von den Entwicklungen - oder war es eher ein fasziniertes Grauen? Die vielen Vergleiche, die sich aufdrängten, ließen mich gedanklich mehr als einmal den Kopf schütteln. Die Geschichte wiederholt sich doch immer wieder und offenbar ist es nicht so einfach etwas daraus zu lernen. Passend dazu, habe ich mir unter anderem folgenden Satz markiert: "... it's like reading about typhus in China and suddenly finding it in your own house!" (S.178) Manch einer ist vielleicht tatsächlich überrumpelt von den  Entwicklungen und realisiert erst dann was los ist, wenn es (fast) zu spät ist. Wie schon der Titel sagt, man geht einfach nicht davon aus, dass "es" bei einem selbst passieren kann.

Doch trotz der spannenden Thematik, die immer noch hochaktuell ist, habe ich sehr lange für die Lektüre der knapp 400 Seiten gebraucht. Dies lag zum einen am bereits erwähnten Schreibstil, zum anderen daran, dass ich sehr viel zu amerikanischer Geschichte und Politik nachgelesen habe, um das Geschehen besser einordnen zu können und mir Klarheit über die Verhältnisse zu verschaffen. Ebenso habe ich nach zahlreiche Figuren gegoogelt, denn es entstammen bei Weitem nicht alle der Feder von Sinclair Lewis. Für mich war das stellenweise etwas mühselig, doch die historischen Persönlichkeiten und natürlich die politische Stimmung sowie die wirtschaftliche Lage waren den damaligen Lesern sicher bekannt und sie konnten ganz anders an das Buch herangehen.

Mein Fazit: Sinclair Lewis' Werk ist trotz seines Alters erschreckend aktuell und erinnert an George Orwells "1984" oder auch an "Brave new World" von Aldous Huxley. Auch wenn die Bücher ganz unterschiedlich sind und eine völlig andere Herangehensweise bieten, so haben sie doch eines gemeinsam: sie gehen der Frage nach "was wäre wenn" und rütteln die Leser auf. "It can't happen here" ist keine einfache Lektüre für zwischendurch, aber ich bin froh, dass ich es gelesen habe und manche Szenen werden mir sicher noch lange im Gedächtnis bleiben. Auf Grund des etwas zähen Beginns und des Schreibstils "nur" 4 von 5 Sternen.