Samstag, 15. Oktober 2016

Federflüstern


von Holly-Jane Rahlens 


 
  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag; Auflage: 1 (21. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499217457
  • ISBN-13: 978-3499217456
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 11 Jahren
  • Genre: Jugendbuch         

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Dies ist die Fortsetzung von Blätterrauschen, in welchem die Kinder Iris (12), Oliver (13) und Rosa (13) an einem stürmischen Donnerstag unerwartet mit dem 14 jährigen Colin in das Jahr 2273 reisten, die Zeitzone aus der Colin stammt.
Wie bereits angekündigt, wurden den Kindern die Erinnerungen an die Zukunft gelöscht und es bleiben nur noch diffuse Gefühle und Verwirrung, gepaart mit einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Irgendwie sind sie plötzlich Freunde, obwohl sie total unterschiedlich sind und sich auch nicht erklären können, was sie verbindet. Aber sie teilen den Eindruck, daß letzten Donnerstag während des Sturms irgendetwas ganz außergewöhnliches geschehen sein muß und irgendwie ist alles etwas anders als sie es in Erinnerung haben. Wieso behauptet Olivers Bruder Thilo  plötzlich, daß er nie unter Akne gelitten habe und warum ist Iris so überrascht eine Zahnspange zu erhalten? Als dann noch Lucia, das Patenkind der Buchhändlerin Cornelia, der Leiterin ihres Leseclubs auftaucht und allen dreien bekannt vorkommt, scheint die Verwirrung perfekt! Aber es geht noch irrer: plötzlich werden sie von einem Wirbel erfaßt und landen im Berlin im Jahre 1891, dummerweise im Winter, ohne Mantel und ähnliches. Was ist passiert und was sollen sie nun tun? Nachdem sie in der Zeitung lesen, daß aktuell Mark Twain in Berlin lebt, der erst vor wenigen Jahren ein Buch über Zeitreisen verfasste, scheint er die beste Anlaufstelle für die in einer fremden, kalten Welt gestrandeten Zeitreisenden wider Willen zu sein.
Der Einstieg gelingt nach Band 1 nahtlos. Sollte man Band 1 nicht mehr ganz im Kopf haben oder noch nicht kennen, so gibt es hinter der Federflüsterngeschichte, eine kurze Zusammenfassung von Band 1! Das ist sehr praktisch, wenn man es rechtzeitig bemerkt.
Mir hat Band 2 besser gefallen als Band 1. Die Veränderungen zwischen dem alten Berlin und dem damals noch eigenständigen Charlottenburg konnte ich mir bildhafter vorstellen, als das futuristische Agglomerat. Aber auch die Einführung der neuen Figuren Krit, Mark Twain und die Vertiefung der Bekanntschaft von Lucia, die in Band 1 nur kurz vorkam gefiel mir sehr gut Lucia, die anfangs so gelassen und besonnen wirkt, zeigt im Angesicht eines speziellen Erzfeindes eine überraschende Emotionalität, die den Leser schmunzeln und mitleben läßt. Krit ist ein wunderbarer Halunke wie Mark Twain zu sagen pflegt. Nicht so sympathisch wie Huckleberry Finn, aber doch nicht von bondmäßiger Einseitigkeit, wie ich anfangs dachte. Mark Twain vermag es in den Dialogen die Welt von früher begreifbar zu machen und sie den jungen Lesern nahe zu bringen. Gerade seine humanistischen Gedanken im preußischen Berlin, den bürokratischen Polizisten und Regeln gefallen mir gut. Aber auch seine Schreibtipps für Rosa ließen mich schmunzeln. Vor gar nicht allzu langer Zeit störte mich bei einem zu rezensierenden Buch genau das, was Mark Twain ablehnte: eine Anhäufung von Adjektiven. Denn statt den Leser selbst durch die Lektüre selbst sein Schlüsse bilden zu lassen, legen adjektivische Reihungen den Leser zu starr fest, als hätte er keine Phantasie und die macht doch gerade den Reiz beim Lesen aus. Nicht zuletzt die Abschiedsworte von Mark Twain, dessen bürgerlicher Name immerhin Samuel Longthorne Clemens lautete, an die Kinder fand ich bereichernd. Sie sollen Reisen, denn es gibt nichts Besseres um den eigenen Horizont zu erweitern und Vorurteile abzubauen. Freundschaft und Erinnerungen formen den Menschen und sind unverzichtbar. Hinzukommen in diesem Buch Spannung, Einblicke in die wilhelminische Zeit und immer wieder zwischendurch die bereits bekannte Wortschatzerweiterung durch die allwissende Iris und den noch unbelesenen Oliver. Aber spätestens nach diesem Erlebnis wird er sicher die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn lesen. Genauso wie viele andere Leser von Federflüstern auch. Während in meiner Kindheit Tom und Huck noch jedes Kind kannten, muß ich diese Bildungslücke bei meinen Kindern noch schließen. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen, Ehrenwort! Gereist sind wir erst heute, also fallen auch heute noch Mark Twain, der auch heute noch viel zitiert wird, bei mir nicht auf taube Ohren.
Die Autorin ist Amerikanerin, die jedoch schon seit vielen Jahren in Berlin lebt und die Bücher in ihrer Muttersprache verfasst. Das ließ mich gerade bei den Passagen über die Schwierigkeiten der deutschen Sprache schmunzeln, da sie sicherlich aus eigener Erfahrung berichtet.
Das Cover stellt bereits wie bei Band 1 die Front einer kleinen gemütlichen Buchhandlung dar, deren Holzkassetten jeweils typische Bilder des Buches zeigen: ein preußischer Polizist mit Pickelhaube, Kapuzenjunge Krit, Mark Twains Portrait…. Je länger man schaut, desto mehr entdeckt man.

Ein spannendes Abenteuer über das wilhelminische Berlin, die Macht der Erinnerungen und Freundschaft aber auch über die Liebe zur Literatur, ohne belehrend zu wirken – versprochen.
Für Bücherfreunde und Zeitreisende 5 von 5 Sternen.