Donnerstag, 21. Juli 2016

Rheinsberg - Ein Bilderbuch für Verliebte - Hörbuch nach Kurt Tucholsky


Provokante Liebesgeschichte von Tucholsky




Autor: Kurt Tucholsky
Bearbeitung: Matthias Thalheim
Regie: Barbara Plensat
Komposition: Thomas Natschinski
Darsteller: Gunter Schoß, Ulrike Krumbiegel, Georg Helge, Dagmar Manzel, Kurt Böwe u.a.
Produktion: Rundfunk der DDR 1985
Verlag: Der Audio Verlag (2001)
ISBN: 978-3898131582
Spielzeit: 49 Minuten

Der berühmte Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky, der vor allem für seine Essays, Satiren und seinen Pazifismus bekannt war, veröffentlichte 1912 mit „Rheinsberg - Ein Bilderbuch für Verliebte“ ein für die damalige Zeit äußerst provokantes Werk. Diese Rezension bezieht sich auf die Hörspielproduktion des Rundfunk der DDR von 1985.

Die recht kurze Erzählung handelt von einem dreitägigen Urlaub eines verliebten und unverheirateten Paares – ein zur wilhelminischen Zeit undenkbar unmoralisches Unterfangen. Die Fahrt ins ländliche Rheinsberg ist offensichtlich ein regelrechter Ausbruch aus dem bürgerlichen Alltagsleben der beiden, denn die Protagonisten, Claire und Wolfgang, reisen mit dem Zug aus Berlin hinaus aufs Land, um der großstädtischen Monotonie und Spießbürgerlichkeit zu entfliehen. Da die Reise eines unverheirateten Paares Anfang des 20. Jahrhunderts absolut unziemlich ist, geben sie sich als Ehepaar aus.
Die Erzählperspektive ist überwiegend die des personalen Erzählers aus dem Blickwinkel Wolfgangs, wobei die Dialoge das Stück dominieren. Diese Dialog sind vor allem durch Claires außergewöhnliche Art der Sprache geprägt und von Ironie und Sarkasmus durchzogen. Das Paar neckt, zankt und amüsiert sich ständig. Kaum ein Dialog ist nicht von Spitzen, Andeutungen und Ironie durchtränkt.

Bereits auf der Zugfahrt darf der Hörer diese ungewöhnliche Sprache und diese teils banalen Themen bestaunen:

„… nein … Sonne weeiit … Land … Seh mal: ’ne Akazie! ’ne blühende Akazie, lauter blühende Akazien“

In Rheinsberg wandeln sie auf typischen touristischen Spuren. Sie besichtigen beispielsweise das Schloss zu Rheinsberg und lassen sich vom Kastellan, Herrn Adler, durch die Räumlichkeiten begleiten. Es ist vor allem Claire, die diese Besichtigung durch ständige ironische Einwürfe ad absurdum führt.
Zwischendurch bestaunen sie immer wieder die Natur, als hätten sie als Großstadtmenschen keinen blassen Schimmer davon. Am ersten gemeinsamen Abend entdecken sie auf ihrem Nachtspaziergang hinter einem Fenster ein Theaterstück und verfolgen einen Ausschnitt daraus. Dies wird natürlich auch kommentiert. Am zweiten Tag unternehmen sie nach einem späten Frühstück einen Spaziergang durch die Stadt. Claire kauft in einem Laden einen Knopf und danach gehen sie in einen „Kinematographen“, um sich einen Film anzuschauen. Hier stellt Claire ständig naive Fragen zum Film. Am letzten Tag hat Wolfgang ein Paket, dessen Inhalt Claire gerne kennen würde. Doch Wolfgang stellt sie auf die Folter. Sie unternehmen noch eine Bootstour. Hierbei nehmen eine Berliner Medizinstudentin namens Lissy Aachner an Bord, die ans andere Ufer möchte. Derweil tritt Claire als eifersüchtige Geliebte auf, die sich aber als Schwester „Wölfchens“ und Ortsansässige ausgibt. Zum Schluss kehren sie mit dem Zug in die Großstadt und ihre „grauen Tage“ zurück und vergessen das Paket im Hotel.

Beachtlich ist, dass die Handlung keinen Spannungsaufbau benötigt. Hierauf verzichtet Kurt Tucholsky zu Gunsten der - oberflächlich betrachtet - banalen Dialoge und der Beschreibung impressionistischer Szenerien, die wie Momentaufnahmen aneinandergereiht werden. Doch genau diese Art des „Understatement“ trieft bei genauer Betrachtung regelrecht vor tiefgründigem Sarkasmus und Ironie. Die umgangssprachlichen Dialoge der beiden Protagonisten sind für die damals übliche literarische Sprache auffallend unkonventionell. Auch die teils übertriebenen Liebesbekundungen und maßlosen Übertreibungen fallen aus dem Rahmen:
„Ich habe ein außerordentlich feines Empfinden dafür, ich vermute, du bist gewillt, dich über mich lustig zu machen. Wird diese Vermutung zur Gewissheit, so schlage ich dich nieder.“

Die Charaktere sind äußerst subtil angelegt. Claire ist eine für damalige Verhältnisse extrem ungebundene und gegen die damaligen Konventionen revolutionierende Frau. Sie bedient sich einer kindlich teils wirren Sprache, die sie gezielt einsetzt, um ihre Intelligenz zu unterstreichen.
„Ach Gott, konnste auch besser mir nicht zu bekorrigieren zu gebrauchs gehabs habs!“
Sie entspricht in keiner Weise dem damaligen Frauenbild. Als Medizinstudentin stammt sie aus gutem Hause, mit standesüblichen Wertvorstellungen und offensichtlich strengem Vater. Trotz ihres revolutionären Gemüts dürfen ihre Eltern nichts von dem Wochenende mit Wolfgang erfahren. Daher gibt sie vor, bei einer Freundin zu übernachten. Es ist unüberhörbar, dass sie sich für überaus intelligent und attraktiv und dadurch gegenüber den meisten anderen Menschen für überlegen hält. Auch wenn sie eine unendliche Ungebundenheit vorgibt, ist ihre Liebe zu ihrem „Wölfchen“ deutlich zu spüren und so scheint mir auch die Eifersüchtelei in der Bootsszene mit der Studentin Lissy nur vordergründig gespielt. Die Sprecherin der Lissy versteht es perfekt den richtig Ton zu treffen und findet meine Bewunderung, dass sie die ungewöhnliche Sprache so fließend interpretiert.
Über Wolfgang, den Claire meist „Wölfchen“ nennt, ist weit weniger bekannt als über Claire. Er ist aber offensichtlich ein gebildeter Mann, dessen Alter ich schwer einschätzen kann. Seine Bildung kann man an seinen Wortspielereien, philosophischen Äußerungen und lateinischen Aussprüchen ausmachen:
„Ne quis animadvertat!“
Gegenüber Claire wirkt er älter, überlegter und seriöser. Er scheint zuweilen den tradierten, wilhelminischen Ehemann zu spielen - den starken Beschützer und rechthaberischen Herrn im Hause. Er sagt an, was als nächstes getan wird. Wenn Claire sich dagegen auflehnt, parodiert er das traditionelle Rollenbild als entrüsteter Herr und droht ihr sogar spielerisch mit körperlicher Züchtigung. Der Sprecher des Wolfgang hat eine angenehme, modulare Stimme, wirkt aber unterschiedlich alt, was die Uneinschätzbarkeit des Alters für mich unterstreicht.
Witzig ist das Zusammentreffen mit Herrn Adler, dem Kastellan, der so gar nichts mit dem Paar anfangen kann und nicht aus seiner Haut kann. Stolz präsentiert er „sein Schloss“ und vermittelt sein Wissen ohne die Ironie des Paares zu verstehen. Er ist nur erstaunt, dass die Gäste nicht mehr Bewunderung zeigen.
Ebenso wirkt die Verkäuferin im Knopfladen grotesk und altbacken – regelrecht prüde, als sie den „Herrn“ hinausschickt, weil Claire einen Knopf aussuchen möchte.
Die „Bootsanhalterin“ Lissy Aachner ist eine intellektuelle und ambitionierte Medizinstudentin. Auch sie hat unkonventionelle Ansichten, unterscheidet sich aber stark von Claire. Sie wirkt weniger frei und eher verbissen. Auch sie durchschaut das Paar nicht. Hört nicht die feine Ironie.

Leider ist die Vertonung zuweilen durch Hintergrundgeräusche etwas schwer zu verstehen, so dass ich mich während der Autofahrten sehr beim Hören anstrengen musste.

Fazit:

Ein außergewöhnliches Werk, dass vor Seitenhieben gegenüber dem Spießbürgertum strotzt und mit viel Wortwitz und ungewöhnlicher Sprachwahl aufwartet.