Freitag, 10. Juni 2016

Straße der Wunder







  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 23.03.2016
  • Verlag : Diogenes
  • ISBN: 9783257069662
  • Fester Einband 736 Seiten
  • Genre: Roman






Juan Diego ist Schriftsteller und lebt seit 40 Jahren in den USA. Geboren wurde er allerdings in Mexico. Er verbrachte seine Kindheit zusammen mit seiner Schwester Lupe als Müllkippenkind. Die beiden Kinder bilden die perfekte Symbiose, sie ist sprachbehindert, kann aber die Gedanken Anderer und auch ein bisschen die Zukunft lesen und er versteht sie und übersetzt. Zusammen glauben sie an Wunder, was sonst bleibt ihnen auch bei ihrem Dasein. Ihre Mutter kümmert sich kaum, die Väter sind unbekannt.
Ein Wunder ist, dass Juan sich selbst das Lesen beigebracht hat, mit Büchern, die er von den brennenden Müllstapeln rettet (weshalb er Brandwunden an den Händen hat). Als die Jesuiten das entdecken, versorgen sie ihn mit „richtiger“ Literatur, das Genie muss schließlich gefördert werden.
Mit 14 hat Juan einen Unfall, bei dem sein Bein verkrüppelt wird. Kurz darauf stirbt ihre Mutter, also suchen die Kinder ihr Heil im Zirkus. Doch Lupe weiß (!): Juans Zukunft liegt nicht in Mexico, nicht im Zirkus und so riskiert sie alles, um ihn in die richtige Richtung zu stupsen ...
40 Jahre später macht sich Juan auf eine Reise nach Manila, um eine alte Schuld zu begleichen und diese Reise wird zugleich zu einer Reise in seine Vergangenheit, durch Träume und Erinnerungen wird er in seine Kindheit zurückversetzt.

Ich hatte mich sehr auf John Irvings neues Buch gefreut, weil ich ihn seit „Witwe für ein Jahr“ kenne und verehre. Ein zusätzliches Schmankerl war noch, dass ich ein Ticket für die Deutschlandpremiere von „Straße der Wunder“ in Berlin ergattern konnte und mich die Lesung, seine ganze Art sehr beeindruckt hat. Er liest nicht nur vor, er lebt die Szenen regelrecht. Irving ist sehr charismatisch – aber er schreibt ja auch in seinen Büchern immer wieder, dass er vor allem von Frauen gelesen wird. Ein zentraler Satz des Buches ist: „Es sind die Frauen, die Lesen.
Und Juan Diego scheint sein Alter Ego zu sein. Schriftsteller, erfolgreich, von den Frauen verehrt: „Nur eingefleischte Fans erkennen ihn, vor allem ältere Frauen und viele Studentinnen“. Außerdem lässt Irving ihn „seine“ Bücher schreiben, unter anderen Titeln natürlich, aber man erkennt sie wieder. Der Roman ist voller Anspielungen z.B. auf „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Zirkuskind“, „Die wilde Geschichte vom Wassertrinker“ und „Witwe für ein Jahr“ ... Er erwähnt sogar seinen aktuellen Roman „Straße der Wunder“ – das macht ihm so schnell keiner nach.
Außerdem schreibt er über den Entstehungsprozess eines Romans an sich, die Figuren, deren Anlehnung an die Wirklichkeit – alles extrem interessant. Deswegen fürchtete ich, dass es sein letztes Buch ist, quasi die Abrechnung mit seinem Werk. Um so beruhigter war ich, als er im Rahmen der Lesung erzählte, dass er schon die letzten Sätze für 2 weitere Romane hat (er fängt immer mit dem letzten Satz an).

John Irvings Protagonisten sind gewohnt skurril aber sehr liebenswert.
Der Junge Juan ist ein Kämpfer, ein Genie; nicht ungläubig, aber er glaubt – sucht – Wunder, nicht Religion. Seine Schwester Lupe hat seine Zukunft gesehen und will ihn in ihrem Sinne beeinflussen, er soll nicht vom Weg abkommen, dafür riskiert sie viel.
Die Pater (Jesuiten) des Waisenhauses, die ihn mit Büchern versorgen, reiben sich im Streitgespräch immer wieder aneinander, halten aber zusammen, wenn es um die Kinder geht. Und dann verliebt sich einer der beiden auch noch in den Transsexuellen Flor. Irving spricht sich damit wieder gegen die sexuelle Diskriminierung aus.
Dann ist da noch das sehr undurchsichtige Mutter-Tochter-Gespann Miriam und Dorothy, die plötzlich auftauchen und wieder verschwinden. Sind sie real oder Geister, vielleicht sogar Verkörperungen der Jungfrau Maria?! Das ist alles sehr mystisch. Die Mutter ist edel, aristokratisch. Die Tochter eher bäuerlich. Beide verführen ihn. Miriam erinnert mich an Marion Cole und Dorothy an Ruth.

Die Handlungsstränge verschwimmen zwar etwas, verwirren mich aber nicht. Doch auch seine Kritiker haben (leider) recht: Irving wiederholt sich. Er schreibt immer wieder über den Glauben, die Kirche, Wunder und den Marienkult, aber auch über Geister und den Tod, Juans Träume und seine „Experimente“ mit den Medikamenten. Dadurch ist leider schnell klar ist, wie das Buch ausgehen wird. Aber er will ja auch, dass seine Protagonisten vorhersehbar / begreifbar sind. Zudem hat man stellenweise das Gefühl, im Geschichtsunterricht zu sitzen. Und es geht natürlich um Sex: in seinen Büchern geht es immer auch um Sex.
Insgesamt hat mich die „Straße der Wunder“ wieder sehr gut unterhalten. Irving ist ein Meister der Schreibkunst. Er kann erzählen, fabulieren, unterhalten – auch über 770 Seiten. Und letzten Endes möchte man keine davon missen. Abschließen möchte ich mit dem Zitat: „Das Lesen Deiner Bücher hat mich gerettet“.

4 von 5 Sternen.