Freitag, 22. April 2016

The Noise of Time



A Masterpiece!
Eine unerwartete, geschichtsträchtige, biographische Beleuchtung


Autor: Julian Barnes
Genre: Roman
Sprache: Englisch
Format: Gebundene Ausgabe
Umfang: 192 Seiten
Verlag: Jonathan Cape
Preis: 13,95 €
ISBN-13: 978-1910702604
Erschienen: 28. Januar 2016


Der Roman „The Noise of Time“ von Julian Barnes, den ich im englischen Original lesen durfte, ist ein Stück anspruchsvoller Literatur. Besonders spannend empfinde ich, dass der Protagonist dieses Buches eine geschichtsträchtige Persönlichkeit des russischen kulturellen Lebens war, es sich also um einen Roman mit biographischen Hintergrund handelt, dieses aber im Klappentext überhaupt nicht zum Ausdruck kommt. Hier heißt es vielmehr schlicht:
„In May 1937 a man in his early thirties waits by the lift of a Leningrad apartment block. …”
Für mich ist das ein klares Understatement, handelt es sich bei dem Mann nicht einfach um irgendjemand, sondern um einen der bedeutendsten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Mit diesem Wissen wäre ich sicher mit einer völlig anderen Erwartungshaltung an das Buch herangegangen. Ob dies nun besser oder schlechter gewesen wäre, sei dahingestellt.

Aufgrund des Klappentextes und der im ersten der drei Teile des Buches immer und immer wieder beschriebenen Situation des auf den Aufzug wartenden Mannes ging ich von einem teilweise surrealen Buch à la „Warten auf Godot“ aus. Erst nach und nach wurden mir die wahren Beweggründe für dieses Warten klar.

„Men who left home with a case in their hands traditionally returned. Men dragged from their beds in their night-clothes often did not.”

Nach dem Prolog, der eine Szene an einem Bahnhof beschreibt, startet die eigentliche Erzählung mit dem wartenden Mann, der Nacht für Nacht mit einem Koffer am Aufzug steht und mit Gedanken an vergangene Erlebnisse und bösen Vorahnungen wartet. Zunächst dachte ich, er wartet einfach nur auf den Aufzug, jedoch wartet er darauf, abgeholt zu werden. Anfangs erscheint die Situation äußerst merkwürdig, geheimnisvoll, mysteriös und obskur. Durch den personalen Erzählstil darf der Leser an der Gedankenwelt des Protagonisten teilhaben und liest von Personen, die eine Bedeutung im Leben des Mannes haben, die man aber zunächst gar nicht zuordnen kann. Zudem gibt es Hinweise auf das beängstigende totalitäres Regime Russlands, beziehungsweise der Sowjetunion, das schlicht als „The Power“ bezeichnet wird. Nur durch den Klappentext weiß man zu Beginn, dass es sich beim Schauplatz um das kommunistische Russland handeln muss.
Als dann irgendwann der Name des Protagonisten genannt wird, ist mir gar nicht direkt klar geworden, dass es sich um einen bedeutenden Komponisten handelt. Dies liegt zum einen wahrscheinlich daran, dass die Bedeutung des Mannes im Buch zunächst gar nicht betont wird und zum anderen, dass Dmitri Dmitrievich Shostakovich im Westen trotz seiner Bedeutung für die russische Musik längst nicht so bekannt ist wie beispielsweise sein Zeitgenosse Stravinski, der aber im Gegensatz zu Shostakovich in die U.S.A. emigrierte und dadurch sicher mehr westliche Aufmerksamkeit genießen durfte.

Erschienen mir die beschriebenen Ängste und verstörenden Regimeauswirkungen ohne dieses Wissen zunächst als fiktive Erzählung, nahmen sie durch das allmählich gewonnene Wissen und den Bezug zur realen Person nach und nach ungleich erschreckendere und beängstigendere Züge an.
Der simple und doch so einleuchtende iterative Satz …

„Art belongs to everybody and nobody.“

… gewinnt vor dem Hintergrund der in Russland und der Sowjetunion wechselnden kommunistischen Machthaber eine ganz andere Kraft und Bedeutung. Denn hier wird die Kunst der Musik für politische Zwecke missbraucht und der Komponist wider Willen instrumentalisiert.

Julian Barnes ist es meines Erachtens geglückt, das Schicksal dieses außerordentlich begabten Musikers und Komponisten entlang der geschichtlich-biographisch belegten Ereignisse in eine Prosa zu gießen, die einem die innere Zerrissenheit des Komponisten aufgrund dieser regiden Einflüsse und seines Schaffenswillens gleichwohl einfühlsam, als auch schonungslos brutal nahe bringt. Der Leser wird hierbei allerdings sehr gefordert, denn so zerrissen wie der Komponist, ist auch das Buch aus einer Art Fragmenten von Gefühlswelten, geschichtlich belegten Ereignissen, persönlichen Erinnerungen oder einfachen Gedankengängen zusammengesetzt, die aber am Ende ein großes Ganzes ergeben. Dachte ich ausgangs die knapp 200 Seiten eben mal nebenher lesen zu können, hatte ich daher weit gefehlt. Um bis zum Ende durchzuhalten bedarf es also einiger Anstrengung, die sich für mich aber ganz und gar gelohnt hat!

Julian Barnes versteht es depressive Stimmungen und ironische Betrachtungen gepaart mit einem Blick hinter den „eisernen Vorhang“ so gekonnt darzustellen, dass er dem Leser einen regelrechten Blick in eine russische Künstlerseele ermöglicht.

„It was Stalin´s fault because he would have inspired and approved the Pravda editorial – perhaps even written it himself: there were enough grammatical errors to suggest the pen of one whose mistakes could never be corrected.”

Denn eigentlich ist Shostakovich überhaupt nicht politisch. Er möchte nur musizieren und komponieren. Seiner Neigung und Leidenschaft kann er aber nur nachgehen, wenn er sich regimetreu zeigt und die politische Flagge nach oben hält. Im Buch wird deutlich, wie ihm das zu wider ist und er sich in einem dauernden Gewissenskonflikt befindet. Dieser innere Konflikt geht so weit, dass der sensible Künstler Todesgedanken pflegt, wäre da nicht seine Familie, die es zu schützen gilt. Er schämt sich vor sich selber und hält sich für einen Feigling.

„A soul could be destroyed in one of three ways; by what others did to you; by what others made to do to yourself; and by what you voluntarily chose to do to yourself. Any single method was sufficient; though if all three were present, the outcome was irresistible.”

Neben dem persönliche Problem des Komponisten und seinem Wirken in jener Zeit, erfährt der Leser auch eine Menge über die wichtigsten russischen Machthaber und deren Machenschaften zu Lebzeiten des Komponisten sowie weitere zeitgenössische Künstler Russlands.

„Nowadays Stalin was out of favour but Lenin was back in favour. A few more turns of the wheel an Nikita the Corncob would be out of favour; a few more after that and perhaps Stalin and Stalinism would be back.”

Fazit:
Dieses Buch war ein echtes Lese-Highlight, das für mich die Bezeichnung höhere Literatur verdient! Äußerst dezidiert und vielschichtig - keine einfache Lektüre. Im englischen Original könnte dieses Buch auch gut eine künftige Oberstufenlektüre für den Englischleistungskurs werden. Wer Herausforderungen liebt, ist hier richtig! Ein Stück außergewöhnlich betrachteter russischer Geschichte des 20. Jahrhunderts.