Freitag, 15. April 2016

Im Labyrinth der Lügen



Hör-Highlight!!!
Getrennt von den Eltern - in den Fängen des Regimes



Autor: Ute Krause
Genre: Kinder-/Jugendbuch
Sprecher: Stefan Kaminski
Preis: € 14,99
Format: Hörbuch, 4 CDs gekürzt
Spielzeit: 4 Std. 25 Min.
ISBN: 978-3-8371-3420-9
Erschienen: 29.02.2016
Verlag: cbj




Der welterfahrenen Autorin Ute Kraus ist mit „Im Labyrinth der Lügen“ meines Erachtens ein wahres Meisterwerk geglückt. Die Geschichte um den zwölfjährigen Paul beruht auf wahren Begebenheiten und ist dermaßen spannend und gleichzeitig einfühlsam geschrieben, dass sie mir förmlich unter die Haut ging.
Der Plot spielt in der Mitte der 1980er Jahre in Ostberlin. Der Protagonist Paul lebt gemeinsam mit seinem Onkel Henri und seiner Oma in einer kleinen Wohnung, denn seine Eltern sind ohne ihn in den Westen gezogen. Bei einem Fluchtversuch, den sie mit ihm unternahmen, wurden sie inhaftiert und schließlich vom Westen freigekauft. Damals wurde er zunächst in ein Heim mit anderen Kindern, deren Eltern ebenfalls politisch verfolgt wurden, gesteckt. Nachdem seine Großmutter ihn ausfindig gemacht hatte, konnte er wenigstens das Heim verlassen. Obwohl er sich mit seiner Oma und seinem Onkel gut versteht, vermisst er seine Eltern sehr und fühlt sich auch ein Stück weit von ihnen im Stich gelassen. Außerdem muss er ständig auf der Hut sein, da er als Kind von „fahnenflüchtigen“ Eltern natürlich besonders im Visier des Regimes steht. Daher ist er sehr in sich gekehrt und hat keine Freunde. Dies ändert sich, als Millie in seine Klasse kommt. Natürlich muss dieses zarte Freundschaftspflänzchen erst langsam wachsen, denn das kreolische Mädchen, dessen Mutter aus Kuba stammt, muss ihn erst aus seinem Schneckenhaus locken. Nach und nach wird Millie zu einer Vertrauten.
Aber nicht nur Paul muss unter der missglückten Flucht seiner Eltern leiden. Auch sein Onkel durfte sein Archäologiestudium nicht beenden und arbeitet stattdessen als Wächter im Pergamonmuseum. Seine Oma musste ihre Arbeit in einer Bibliothek gegen den Posten einer Klofrau eintauschen. Doch die beiden kümmern sich trotzdem liebevoll um Paul.
Als Paul seinen Onkel eines Abends im Museum besucht, hört er merkwürdige Geräusche, die sein Onkel mit der nahegelegenen Bahnstrecke begründet. Doch bei einem weiteren Besuch mit Millie gibt es weitere merkwürdige Vorkommnisse und die beiden beginnen der Sache auf den Grund zu gehen. Nach und nach ergibt sich ein Dickicht aus nebulösen Geheimnissen. Es gibt gegenseitige Verfolgungen, plötzliche Stasiverhöre und Bespitzelungen. Paul weiß schließlich nicht mehr, wem er vertrauen kann.
Diese Geschichte veranschaulicht den Unrechtsstaat des DDR Regimes auf einfühlsame Weise. Sie zeigt auch auf, wie schnell man selber zu einem Spitzel werden konnte und dass es selbst unter nahen Verwandten zu Verrat, Zweifeln und Verdächtigungen kam.

Der Hörbuchsprecher Stefan Kaminski, der selber in Ostberlin groß wurde, liest so unglaublich authentisch und lebendig vor, dass man förmlich mit der Geschichte verschmilzt. Seine Stimmvariationen geben jedem Charakter seine eigene Persönlichkeit. Er moduliert und betont so, dass sowohl die Spannung, als auch die Gefühlslagen und die Dialoge lebensecht vermittelt werden.

Sehr gut gefällt mir, dass den Hörbuch-CDs ein kleines Booklet beiliegt, das ein Glossar zu den wichtigsten DDR-Begrifflichkeiten wie „Horch und Guck“ oder „Erichs Krönung“ sowie eine Karte von Ost- und Westberlin enthält, so dass sich Westdeutsche, Nicht-Berliner und jüngere Jahrgänge schnell orientieren können.

Fazit:
Dieses als Kinderbuch deklarierte Stück enthält eine so spannende DDR-Story mit toll recherchierten Hintergründen, dass es sicher auch Jugendliche und Erwachsene unterhalten wird. Mich jedenfalls hat ses so in seinen Bann gezogen, dass ich die Beklemmungen, Ängste und Befürchtungen förmlich körperlich spüren konnte. Ein tolles Buch gegen das Vergessen, das zu meinen diesjährigen Hör-Highlights gehört.