Freitag, 18. März 2016

Shylock is my name: The merchant of Venice retold

Eine anspruchsvolle, anstrengende und lesenswerte Adaption

 
Taschenbuch: 288 Seiten
Verlag: Vintage
Sprache: Englisch
ISBN-13: 9780099593287
Genre: Roman




Auf einem Friedhof im Golden Triangle von Cheshire treffen Strulovitch und Shylock aufeinander. Stulovitch, der um seine Frau trauert, mit dem Verhalten seiner Tochter kämpft und beinahe ebenso mit seinem eigenen Jüdischsein, lädt Shylock kurzerhand zu sich ein. Shylock wird für ihn Diskussionspartner und auch Ratgeber.

Zeitgleich versucht D’Anton seinen Freunden zu helfen und knüpft so unbeabsichtigt und teils unfreiwillig eine Verbindung zu Strulovitch und damit auch zu Shylock. So kreuzen sich die Wege und es fragt sich, ob es in der sich entwickelnden Geschichte überhaupt einen Gewinner geben kann.

Howard Jacabsons „Shylock is my name“ ist das zweite Buch der neuen Hogarth Shakespeare-Reihe, in der einige Shakespeare Dramen von bekannten Autoren adaptiert und in unsere Zeit übertragen werden. So nahm Jacobson mit „Der Kaufmann von Venedig“ eine große Herausforderung an.

Wie bei der Vorlage nicht anders zu erwarten sind die zentralen Themen das Jüdischsein und der Antisemitismus. Was bedeutet es überhaupt ein Jude zu sein? Wie ist das Leben in einem Nicht-Jüdischen Umfeld? Wie und wo kann man sich positionieren? Darüber hinaus beschäftigt sowohl Shylock als auch Strulovitch das Vatersein und in dem Zuge natürlich auch die jüdische Erziehung ihrer Töchter. In langen Gedankengängen und Diskussionen wird der Leser mit diesen Fragen konfrontiert. Dennoch hatte ich nicht den Eindruck, dass das Buch den Leser in irgendeiner Art und Weise belehren möchte. Es zeigt die Probleme, die die handelnden Personen mit der Religion und den Reaktionen Andersgläubiger haben, spart auch nicht an Vorurteilen, aber es hebt nicht mahnend den Finger, um uns zu sagen, was der richtige Weg ist. 

Sprachlich ist das Werk anspruchsvoll und schafft mit seiner schönen Sprache eine tolle Balance zwischen dem Alten und Neuen. Doch obwohl es handwerklich sehr gut gemacht ist, konnte mich das erste Drittel nicht wirklich fesseln und ich empfand das Lesen als eher mühselig und anstrengend. Zum einen sind mir besonders Shylocks Ausführungen zu den Juden teils zu lang, zum anderen liegt es natürlich auch daran, dass weder Strulovitch noch Shylock Charaktere sind, mit denen man sich identifizieren kann. Das macht es mir sonst in der Regel leichter, mich in eine Geschichte einzufinden oder mich ganz in ihren Bann ziehen zu lassen.

Doch je weiter ich kam, desto besser hat mir das Buch gefallen. Die Dialoge zwischen Strulovitch und Shylock wurden für mich wesentlich interessanter. Zudem haben die beiden eine spannende Dynamik entwickelt. Einerseits sind sie sich teils sehr ähnlich und dann doch eher wieder wie Tag und Nacht. Jeder zeigt für mich eine andere Seite. Shylock scheint das Jüdischsein mit jeder Faser zu unterstützen, zu durchdenken und irgendwie das Jüdischsein seit Anbeginn der Zeit zu verkörpern. Strulovitch hingegen ist moderater, fast aufgeklärt und durchaus in der modernen Welt angekommen. Er hinterfragt meiner Meinung nach weniger, besucht nicht oder nicht oft die Synagoge oder die traditionellen Riten und Feste, aber dennoch ist er nicht völlig ungläubig.

Auch der andere Handlungsstrang um D’Anton und Plurabelle wurde mir sympathischer. Zu Beginn konnte ich keinen richtigen Zugang dazu finden. Dies änderte sich, als sich beide Handlungsstränge annäherten. 

Sehr mochte ich die geschickt eingebunden Verweise zum Original. Manche Dinge sind eins zu eins übernommen oder klar erkennbar, anderes hingegen ist schwerer zu erkennen und mir ist sicher auch genug völlig entgangen. Venedig spielt lange Zeit keine Rolle spielte, daher hat es mich gefreut, dass die Stadt letztlich auch ein Handlungsort wird, denn so rückt Jacobsons Version für mich noch ein Stückchen näher an die Vorlage heran. 

Shylocks kurze Rede auf dem Fest am Ende war ein Highlight für mich. Blieb er am Anfang des Buches für mich erst nicht ganz greifbar, so hat er mehr und mehr an Substanz gewonnen. Er wurde wirklich ein spannender Charakter und ich finde seine Darstellung sehr gelungen. Sicher, bis zum Ende hin nicht der Sympathieträger, aber manchem, was er sagt kann ich dennoch zustimmen und seine Gedankengänge sind interessant, egal wie fern sie mir teils auch sind.

Mein Fazit: Die Lektüre ist anspruchsvoll und anstrengend, doch durchhalten lohn sich. Am Ende konnte mich das Buch positiv überraschen. Nachdem mich das erste Drittel sehr demotiviert hat und ich auch jetzt noch denke, dass man es hätte straffen können, wurde es dann doch fast mit jeder Seite besser, so dass ich letztlich guten Gewissens vier von fünf Sternen vergebe. Alles in allem eine gelungene Adaption.