Sonntag, 6. März 2016

Der schönste Grund, Briefe zu schreiben






  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 27.02.2016
  • Verlag : Thiele & Brandstätter Verlag
  • ISBN: 9783851793413
  • Fester Einband 420 Seiten 
  • Genre: Roman / Liebesroman







Ode an das Leben und die Liebe

Als in dem kleine spanischen Ort Porvenir das 100 Jahre alte Postamt geschlossen und die einzige Postbotin Sara wegen zu wenig Briefverkehr nach Madrid versetzt werden soll, fasst ihre 80 jährige Nachbarin und Freundin Luisa einen Plan: sie startet einen Briefkette. Seit Jahren brennt ihr ein Brief unter den Nägeln, den sie nie geschrieben und abgeschickt hat. Jetzt schreibt sie ihn endlich und bittet die Empfängerin, ihrerseits einen Brief zu schreiben. Die Bedingungen für die Briefe sind ganz simpel: man muss den Empfänger nicht persönlich kennen und der Brief braucht nur aus einer Zeile zu bestehen (natürlich sind es immer mehr) – Hauptsache, die Kette wird fortgeführt. Die Idee verselbständigt sich. Endlich schreiben sich die Menschen mal von der Seele, was sie schon lange loswerden wollten. Der Empfänger (und die Leser) erfährt so viel Interessantes über das Innenleben der Briefschreiber, ihre Geschichte und Träume.
Und natürlich wird auch spekuliert, wer die Briefkette begonnen hat und wer alles mitmacht. Das erzeugt eine gewisse Spannung: wann fliegt das alles auf, wie lange läuft der Kettenbrief noch? Können sie ihr Ziel erreichen und Sara und das Postamt retten?
Ich fand es toll, was für Kreise die Briefe ziehen und wie die Bewohner über sich damit unbewusst näher kommen. Sie fühlen sich wieder wahrgenommen, geliebt, gebraucht, wertgeschätzt – genau das braucht man einfach manchmal als Bestätigung. Aus Belanglosigkeiten entwickeln sich tiefe Freundschaften und sogar Liebe. Manchmal ist es einfacher, sich jemand Aussenstehendem, weiter Entfernten anzuvertrauen, auch weil der eine völlig andere Perspektive auf das Geschehen hat.

„Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ ist ein sehr ruhiges, fast schon intimes Buch. Die Handlung ist wie ein träger Sommertag – entschleunigt und trotzdem verheißungsvoll. Ich bin zielstrebig und rational, auch als Leser, aber dieses Buch bremste mich immer wieder aus. Es verlangt Zeit, es zu Lesen, sich zu besinnen und nachzuhorchen – es will erfühlt (gefühlt?) werden.

Natürlich hat man in jedem Buch Lieblingspersonen. Für mich waren das Alma, die das Haus ihrer Großmutter geerbt hat und überlegt, nach Porvenir zu ziehen und Alex, der sein eigenes Leben vernachlässigt, um für seinen demenzkranken Vater da zu sein. Aber auch die anderen Protagonisten waren toll, wenn auch nicht von Beginn an sympathisch, wie die verschrobene Künstlerin Mara oder die zurückgezogen lebende Manuela.

Ich habe beim Lesen des Buches natürlich auch darüber nachgedacht, ob ich an so einer Briefkette teilnehmen würde und an wen mein Brief dann gerichtet wäre. Ich weiß es immer noch nicht, aber mir ist bewusst geworden, was eine paar liebe Zeilen zur richtigen Zeit ändern, ja sogar bewegen können.

Fazit: Genau so, wie ein Brief in der heutigen Zeit einen besonderen Stellenwert hat weil man ja hauptsächlich über eMail und Messenger kommuniziert, ist dieses Buch etwas Besonderes – etwas, was bleibt.