Donnerstag, 10. März 2016

Meine scheisskranke Familie







  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 22.02.2016
  • Verlag : Atrium Zürich
  • ISBN: 9783855355167
  • Fester Einband 448 Seiten







Dans Leben ist eigentlich perfekt: er hat einen guten Job, eine feste Freundin und eine tolle Familie. Doch hinter der Fassade sieht es nicht mehr ganz gut aus: seine Mutter hat seit 15 Jahren Krebs im Endstadium, seine Schwester Chelsea Asperger, sein Bruder Greg ist schwul und mit seiner indianischen Adoptivschwester Jessica zofft er sich nur. Da bekommt sein Vater Bob, der Fels in der Brandung in diesem ganzen Chaos, die Diagnose ALS. Er, der immer gesund gelebt hat und regelmäßig Marathon läuft, wird wahrscheinlich bald pflegebedürftig sein. Aber erstmal verdrängt die Familie das Problem, noch ist Bob kaum beeinträchtigt. Doch die Krankheit entwickelt sich rasend schnell, schon nach wenigen Monaten kann Bob sich nicht mehr allein waschen, weil seine Arme zuerst ausfallen und Dans Mutter legt fest, dass sich die Kinder gefälligst um Bobs Pflege kümmern sollen – fremdes Personal kommt ihr nicht ins Haus. Im Nachhinein finde ich, dass es schon ganz schön kaltschnäuzig von der Mutter war, ihre Kinder dazu zu verdonnern, vor allem, weil ja nur Dan das bis zu Ende so richtig durchgehalten hat.

Der Zusammenhalt in der Familie ist wirklich toll (und auch die Nachbarn helfen, wo sie können), aber sie gehen zu unbedarft an die Sache heran. Sie informieren sich nie vorab, sondern reagieren immer erst, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist. Ich habe mich mehrfach gefragt, warum sie sich keine professionelle Hilfe oder Beratung holen. Genug Geld haben sie ja. Und je schlimmer es dem Vater geht, umso mehr gerät die Erkrankung der Mutter ins Hintertreffen. Sie kämpft nun schon so lange, da muss sie es auch dieses Mal allein schaffen. Es dreht sich alles nur noch um Bob. Irgendwann leben Familienmitglieder nicht mehr – sie existieren nur noch. Dan und Greg werden depressiv, saufen bis zur Besinnungslosigkeit. Die Mutter dopt sich mit Opiat-Pflastern, die jüngeren Schwestern schmeißen die Schule etc.

Das Buch ist extrem tragisch und ungeschönt. Es ist drastisch, schonungslos, offen, brutal ehrlich. Es wird gesoffen, geflucht und sich immer wieder beschimpft. Aber es gibt auch komische Stellen, wie z.B. Dans Kopfstimme: das, was er bei dummen Kommentaren und Fragen denkt und das, was er dann wirklich (immer sehr höflich) sagt, ist oft Welten voneinander entfernt. Ich bewunderte ihn dafür, dass er sich noch soweit im Griff hatte.
Und natürlich ist von vornherein klar, wie es für Bob endet. Trotzdem hat es mich aufgewühlt. Ich finde es gut, dass nichts bagatellisiert oder weggelassen wurde, auch wenn ich zugeben muss, dass das Buch nichts für schwache Nerven ist oder eines, das man gleich nochmal lesen will. Dazu ist es zu krass.

Für diese Ehrlichkeit und den offenen Umgang mit dem Thema Krankheit, Tod und Pflege innerhalb der Familie bekommt es von mir die volle Punktzahl!