Mittwoch, 24. Februar 2016

Zuerst der Tee

Passt in keine Schublade...


 Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
Verlag: Verlag Wortreich
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 9783950399172




Der Sprachwissenschaftler Eduard flüchtet von seiner Universität in Wien in das englische Städtchen Rye, um sich dort in aller Ruhe seiner Arbeit über die Kasussuffixe im Tschuktschischen zu widmen. Sein Leben besteht nur aus seiner Arbeit und er verbannt jeden möglichen Störfaktor aus seiner Umgebung. Nichts soll seinen akribischen Tagesablauf stören. 

Doch er hat seine Rechnung ohne den einzigen anderen Gast des Bed & Breakfasts gemacht, in welches er sich eingemietet hat. Pauline bereitet sich auf einen wichtigen Wettbewerb vor, doch statt diszipliniert zu üben, setzt sie sich nur dann an das Klavier, wenn sie gerade Lust dazu hat. Eine Arbeitsweise, die Eduard in keiner Weise nachvollziehen kann. Dennoch treffen sich die beiden regelmäßig in Eduards Pausen und nach einer Weile stößt mit Oskar eine weitere Person zu ihnen. Eduard wird immer wieder aus seinem gewohnten Arbeitsrhythmus gerissen. Doch wie soll er damit umgehen?

„Zuerst der Tee“ ist der Debütroman des Wieners Gábor Fónyad. Sein Erzählstil ist ruhig und leise mit amüsanten Untertönen. Auch wenn insgesamt nicht viel passiert, so mochte ich das beschauliche Tempo und habe keinerlei Action vermisst. Auch wenn gerade zu Beginn viele linguistische Fachbegriffe fallen, so macht es nichts, wenn man damit ebenso wenig anfangen kann, wie auch die meisten anderen Menschen, denen Eduard begegnet. Der ein oder andere Leser mag vielleicht über diese Begriffe stolpern, doch mich haben sie nicht im Lesefluss gestört. 

Das Buch ließ sich gut lesen und ich hatte ein klares Bild von Eduard und Pauline vor Augen. Oskar konnte ich bis zum Ende nicht richtig fassen. Auch wenn Eduard bisweilen schon fast unfreundlich erscheint, mochte ich ihn und bewundere ihn für seine Disziplin. Pauline ist ein toller Gegenpart. Offen, lebenslustig und spontan. Grandios fand ich ihren Vergleich auf Seite 42 "Das heißt also: Du bist Tschuktschologe, ohne je einen Tschuktschen getroffen zu haben? Das ist ja, als würde ein Nudist Bademode entwerfen." 

Sehr interessant fand ich den Abschnitt über Texttreue, Noten und die Bibel. Wo darf man improvisieren, verunsichern, provozieren und wo muss man sich Buchstabe für Buchstabe, Note für Note an das Niedergeschriebene halten? Spannende Fragen, die mich zum Nachdenken angeregt haben.

Leider gefiel mir das letzte Drittel nicht mehr so sehr. Zu viele Fragen blieben für mich offen. Für Eduard fand ich das Ende passend, doch insgesamt fehlte mir etwas. Vor allem habe ich mich gefragt, wo eigentlich der tiefere Sinn des Romans lag. Gut, manchmal ist auch der Weg das Ziel, aber so ganz kann ich das hier nicht sehen.

Insgesamt kann ich sagen, dass mir der Schreibstil gut gefallen hat, ich es spannend fand, wie so unterschiedliche Charaktere wie Pauline und Eduard aufeinandertreffen und wie sie reagieren. Auch manche Theorien waren sehr interessant. Dennoch konnte mich der Roman nicht restlos überzeugen.

Mein Fazit: Ein Roman, der sicher nicht jeden Geschmack trifft und der sich auch in keine Schublade stecken lässt. Man muss sich auf diese ruhige Geschichte und seine Protagonisten einlassen können.


Vielen Dank an den Verlag Wortreich für das Rezensionsexemplar.