Dienstag, 2. Februar 2016

Als der Sommer eine Farbe verlor



Tragisch, melancholisch und doch lebensbejahend



Autor: Maria Regina Heinitz
Preis: 9,99 €
Erscheinungsdatum Erstausgabe : 10.03.2014
Aktuelle Ausgabe : 13.04.2015
Verlag : Berlin Verlag Taschenbuch
ISBN: 9783833310201
Format: Flexibler Einband 496 Seiten
Sprache: Deutsch







Dieser wundervolle, tiefgründige Roman der Autorin Regina Maria Heinitz  hat mein Herz angerührt. Ich denke, dass er auch eine gute Filmgrundlage bieten könnte!

Der Leser darf an einem sehr einschneidenden Ausschnitt aus der Kindheit des Mädchens Bénédicte und der Familie Baron teilnehmen. Es beginnt im Sommer 1976. Bénédicte ist mit ihren 12 Jahren ein angehender Teenager und lebt gemeinsam mit ihrer französischen Mutter Aimée, einer Künstlerin, ihrem Vater Emil, einem Psychiater und ihrem kleinen, aufgeweckten Bruder Marcel in Hamburg. Auch ihre Großmutter Mamique ist eine wichtige Bezugsperson für sie. Bisher wuchs Bénédicte in einem zwar etwas außergewöhnlich „bohèmen“ Umfeld auf, jedoch fühlte sie sich recht sicher und geborgen. Zwar neigte ihre Mutter schon immer zu Depressionen und hatte häufig Migräne, doch im Zweifel war da ja noch Mamique. Doch von einem Moment auf den nächsten gerät ihre schöne Kindheit aus den Fugen, denn sie findet ihre geliebte Aimée in einer Blutlache, weil diese versuchte sich das Leben zu nehmen. Traumatisiert existiert für das Mädchen die Farbe Rot nicht mehr. Sie verdrängt und sehnt sich doch so sehr nach ihrer geliebten Aimée.

<<Ich wusste, wenn ich beginnen würde, Mitleid mit ihm zu haben, würde es nicht lange dauern, bis ich mir selbst leidtat, und ich würde nicht mehr aufhören können zu heulen.>>

Von jetzt auf gleich wird Bénédicte aus ihrem Umfeld gerissen, denn Ihr Vater zieht mit den Kindern nach Sprede und übernimmt die Leitung einer Psychiatrischen Klinik. Die Kinder werden in relativer Unkenntnis über den Verbleib der Mutter gelassen. Es heißt, sie sei in einem Sanatorium. Zudem kämpft Bénédicte mit ihrer Legasthenie und muss sich nun im neuen Schulumfeld mit dieser Teilleistungsschwäche behaupten.

<<Die Buchstaben bewegten sich wie von unsichtbaren Magneten gezogen. Sie tanzten, drehten sich, liefen quer durcheinander, meinen Blicken davon und waren nicht zu bändigen.>>

Marcel wird zu Bénédictes wichtigster Bezugsperson, da der Vater sich in seiner Arbeit zu vergraben scheint. Auch die fleißige und gewissenhafte Hausangestellte Gertrud kann ihr Mutter und Großmutter nicht annähernd ersetzen. Als Marcel dann Freunde findet, muss sich Bénédicte anders orientieren.

Wir lernen weitere Bezugspersonen wie den zwergwüchsigen Philo, die Psychiaterin Frau Fritzi, Anna, ihre Schwester Rita und ihre Tochter Susi sowie Frau Voroneckova und ihren Neffen Misha kennen, die Bénédicte mehr oder weniger Halt und Orientierung geben.

<<Wir sagten nicht viel, meist etwas völlig Unwichtiges, doch zwischen den Worten war eine Ahnung.>>

Es gibt aber auch die Antagonisten wie Merle und ihren Bruder Volker, die Bénédicte und ihrem Bruder übel mitspielen.

<<Das traurige Bild, das ich zusammen mit den Erwachsenen an jenem Morgen gesehen hatte, war so voller Zauber gewesen, voller Magie und Schönheit, dass wir uns nicht hinfühlen konnten zu dem Jungen, der da in schmerzvoller Haltung vor dem Gewächshaus kniete.>>

Besonders gefallen hat mir das französische und künstlerische Flair, das diese Familie und die eingestreuten französischen Sätze vermitteln, obwohl die Geschichte mitten im flachsten Deutschland spielt.

<<“Bei uns ist es ein bisschen bohème." .... Ich merkte, dass sich die Leute als erstes immer bei uns umsahen.  Wir sollten es natürlich nicht mitbekommen,  aber sie drehten die Köpfe, sahen in alle Winkel, und ihre Augen schätzten ab, was Kunst war, was Design und was Unordnung.>>

Die Geschichte ist sehr abwechslungsreich und fantasievoll. Sie wartet am Schluss sogar mit einem überaus überraschenden Ende auf, bei der die Kraft der Fantasie eine große Rolle spielt. Eine wahre Ode an das Leben, an Kindheit und Jugend sowie an Kunst und Theater.

<<Es war ein bisschen wie in meiner Fantasie, so ganz genau konnte ich die Dinge manchmal nicht auseinander halten, …>>

Fazit:
Dieser Roman hat mich verzaubert und fasziniert. Trotz seines teilweise tragischen und melancholischen Inhalts vermittelt er Lebensfreude und wärmte mir das Herz. Ich hätte gern noch weitergelesen. Das war ein wahres Lese-Highlight!