Dienstag, 5. Januar 2016

Go Set a Watchman








  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 14.07.2015
  • Verlag : Random House UK
  • ISBN: 9781785150289
  • Fester Einband 320 Seiten
  • Sprache: Englisch





Die Urfassung von To Kill a Mockingbird fordert den Leser und unterhält.

Mit 26 Jahren kehrt Jean Louise (Scout) für 2 Wochen von NY in ihre Heimatstadt in Alabama zurück und stellt fest, daß ihre heile Welt aus Kindertagen zusammenbricht.
Der Willkommenskaffee ihr zu Ehren führt ihr deutlich vor Augen, wie anders sie ist, als die Frauen die sie in den Südstaaten zurückließ. Eine Welt die im krassen Gegensatz zu ihrem Leben in NY steht.

Und dann beobachtet sie, wie Ihr Vater und ihr Freund aus Kindertagen kommentarlos an einer Versammlung des Bürgerrates (der sich aus allen weißen Männern, die nur halbwegs in der Gemeinde von Bedeutung sind zusammensetzt) auf der ein prominter Rassist spricht, teilnehmen.
Wie kann das sein? Ihr Vater war für sie stets der Inbegriff von allem was gut und richtig ist, wie kann er nur an so einer Veranstaltung teilnehmen?

Der innere Konflikt in dem Scout sich befindet wird sehr gut gezeichnet. Sie rebelliert, es zerreißt sie. Immer wieder denkt sie an ihre schönen Kindertage zurück, aber das macht ihr den Widerspruch dessen, was sie gesehen hat mit dem woran sie sich aus Kindertagen erinnert zusammen?

Das Buch gibt einen eindrucksvollen Einblick in das Leben in Alabama in den 50er, ein Leben das langsamer und unaufgeklärter ist als im kühlen hektischen NY. Es gibt schöne Erinnerungen an die vergangene Kindheit und deren Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Der Konflikt der inneren Zerrissenheit, an dem Scout zu zerbrechen droht wird plastisch dargestellt und gut geschrieben. Allerdings ist dieser Roman weniger rund als der Pulitzer-Preisträger. Der Roman stammt aus den 50er und bringt Gedanken und Abkürzungen, Gerichtsentscheidungen, die dort damals jeder kannte. Diese Grundlagen, die für das Verständnis des Konflikts nötig sind, hätten kurz in einem Vorwort erläutert gehört. Zu diesem Buch gibt es noch keine Sekundärliteratur, in die man kurz per Suchmaschine reinschnuppern kann. Die Zeitungsartikel der letzten Monate betreffen die Geschichte der Veröffentlichung des Romans, welche bemerkenswert sind und sicher ein gutes Nachwort ergeben hätten. Der Roman wurde offensichtlich redaktionell überarbeitet, warum dann in Europa heute nicht geläufige Abkürzungen wie NAACP nicht einmal ausgeschrieben werden, ist für mich allerdings unbegreiflich und führt zum Punktabzug. Der Leser wird mit einer ihm völlig fremden Welt alleine gelassen, was leider bisweilen von der spannungsgeladen Konfliktsituation um die Figuren ablenkt. Das haben Scout und Atticus nicht verdient.
Im Gegensatz zu einigen anderen Mitlesern, bin ich allerdings mit dem Ende hochzufrieden. Er zeugt von Reife und dem Gebot "Du sollst Vater und Mutter ehren". Wir haben nur diese Eltern und können sie nicht ersetzen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind.

Nachdem ich anfangs sehr lange gezögert habe, ob ich wirklich meinen Held Atticus enthront wissen will, bin ich jetzt froh das Buch gelesen zu haben. Ich mag Atticus immer noch, als Mensch und nicht als den einzig Unfehlbaren.