Sonntag, 27. Dezember 2015

Hanoi Hospital







  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 01.11.2015
  • Verlag : Conbook Medien
  • ISBN: 9783943176919
  • Flexibler Einband 320 Seiten 






Tja, Vietnam, damit habe ich eigentlich gar nichts am Hut. Krimis mag ich schon. Was hat mich daran gereizt, diesen Krimi zu lesen? Wohl, daß der Autor aus meinem Krimi-Challenge-Team stammt, wo er bereits sein Können als Schreiber unter Beweis stellte, das in meiner Lieblingsfarbe gehaltene Cover und irgendwie die spontane Lust auf mal was ganz anderes....
Und es hat sich gelohnt. Direkt von Anfang an wurde ich in eine mir fremde Welt gezogen und landete mit Anne (Van Angh) einer BWL Studentin mit vietnamesischem Vater aus Stuttgart in Hanoi, wo sie ein Auslandspraktikum antreten und bei ihrer Tante Huong wohnen wollte.
Durch ihre Ferien, die sie in der Kindheit oft bei ihrer vietnamesischen Familie verbracht hat, ist Hanoi ihr vertraut, und doch auch fremd, durch die Veränderungen der letzten Jahre. Während viele Onkel und Tanten kein anderes Ziel haben, als für sie einen guten vietnamesischen Ehemann zu finden. Zum Glück hat sie in ihrer ehefalls unverheiratenen etwas jüngeren Cousine Linh, einer Deutschübersetzerin in einem vietnamesischen Staatsradiosender eine gleichgesinnte Vertraute. Als ihrer beider Grußmutter unter seltsamen Umständen in einem Krankenhaus vor Annes Augen stirbt, werden sie stutzig. Besonders, weil Linh in der Redaktion von einem ähnlichen Fall im Internet Kenntnis bekam. Je mehr sie nachforschen, desto merkwürdiger erscheint der Tod der eigenen Großmutter.
Neben der Erzählperspektive von Linh und Anne, wird die Geschichte aus Sicht von Tuan, einem Gelegenheitsarbeiter erzählt, dessen große Liebe Yen eine unerklärliche Krankheit hat, die nicht besser werden will. Aus Sorge um sie, überredet er Yen zu einer Konsultation im Krankenhaus.
Eine weitere, aber weniger bedeutende Perspektive kommt später noch durch einen Arzt hinzu. Durch den Perspektivwechsel, erlebt man die sich immer weiter zu spitzende Situation sehr viel intensiver mit und ein ständig vorhaltendes Gefühl böser Vorahnung liegt unter der Geschichte.
Neben dem sich immer weiter zuspitzenden Krimi, um die ungeklärten Tode in diversen Krankenhäusern und den von dort verschwindenen Patienten taucht der Leser tief in die atmosphärische dichte Welt des heutigen Vietnams ein. Dies gelingt auch besonders authentisch, da der Autor bis vor Kurzem in Vietnam lebte und arbeitete. Interessant sind auch Annes Gedanken, zu ihrem Problem zwischen zwei Ländern und Kulturen zu stehen. Mal hat sie das Gefühl zu keinem der Länder zu gehören bzw. zu beiden gleich. Der Konflikt dieser Identitätssuche ist ebenso interessant, wie die Gedanken zu Auslandsdeutschen/Expats, Linh Einblicke in das vietnamische Nachrichten- und Gesundheitswesen. Denn im Laufe der Geschichte wird die anfangs so zurückhaltende Übersetzerin, deutlich weniger zurückhaltend und hinterfragend.
Die Entwicklung der Charaktere der Hauptperson sind dabei genauso interessant zu verfolgen wie die Krimihandlung, die nicht hinter der Landesschilderung und der Persönlichkeitsentwicklung in Vergessenheit gerät, sondern daran an Tiefe gewinnt.
Der Schreibstil ist dabei flüssig und schafft es mit seinen Perspektivwechsel sowohl in die exotische Welt Vietnams zu entführen, als auch die Entwicklung der Krimihandlung und der Charaktere mitzuerleben.
Ach ja, da ja viele Leser sich nicht in und um Vietnam auskennen, gibt es am Ende des Buches neben dem Personenregister ein Glossar, mit allem, was man wissen sollte und/oder wissen will. Das ist wirklich ausgesprochen informativ und hilfreich!
Eine klare Leseempfehlung von mir für einen Krimi, der nicht alltäglichen Art!