Dienstag, 8. Dezember 2015

Entführung mit Jagdleopard






  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 15.10.2015
  • Aktuelle Ausgabe : 15.10.2015
  • Verlag : Oetinger
  • ISBN: 9783789120237
  • Fester Einband 320 Seiten 
  • ab 10 Jahren




Dieses Buch für Kinder ab 10 Jahren packt ein heißes Eisen an. Es geht um Vernachlässigung sowohl armer als auch reicher Kinder und Alkoholkrankheit, Jugendamt und alles was dazu gehört. Das Buch wird daher bei den Kindern einen hohen Gesprächsbedarf auslösen, es empfiehlt sich daher für die Eltern das Buch vorher zu lesen. Meiner Meinung nach, werden in dieses Buch jedoch keine Probleme gepackt, die aufgeweckte Kinder nicht verarbeiten können und auch die Sprache wird oft durch Sternchen oder entsprechende Kommentare abgemildert. Das Buch ist aber auch durchaus für Erwachsene lesenswert, so daß es eigentlich eine Bereicherung ist, es vor den Kindern zu lesen.

Dieses Buch hat in der Leserunde für viel Diskussion gesorgt, wer denn eigentlich die Zielgruppe sei und ob diese Sprache und diese Themen Kindern zugemutet werden kann. Ich sage ganz klar ja! Kindesmissbrauch, Aussetzung, Kindesmisshandlung, Gewalt, Drogenabhängigkeit, psychische Störungen..... Es gibt noch ganz viele andere Probleme, die in der Realtität von Kindern vorkommt, aber die den Kindern in diesem Buch zum Glück erspart bleiben. 
Und ganz ehrlich, wer findet, Kinder sollten keine Bücher über problematische Familien lesen, der sollte auch auf Märchen verzichten.

Jamie-Lee Wagner ist 10 Jahre alt, hat eine erfrischend positive Sicht auf die Dinge, ist warmherzig und läßt sich nicht unterkriegen. Dabei hätte sie allen Grund zu jammern. Sie lebt im 11 Stock eines Sozialbaus mit meist defektem Fahrstuhl. Die junge Mutter Jessica ist schwerst alkoholkrank und so stellt sich für Jamie-Lee nach der Schule stets die Frage: kann ich meiner inzwische volltrunkenen Mutter noch schnell einen Eimer, neben die Couch stellen, oder muß ich sehen, wie ich die Schweinerei weg mache? Ihr Bruder Baron Chuck ist 15, ein notorischer Schulschwänzer, ebenfalls Optimist, aber bereits Raucher, Lügner, Lebenskünstler, dem Alkoholkonsum nicht abgeneigt und Gelegenheitskiffer. Kurz, auf keinem guten Weg. Die Mutter die von ihrer Couch nur aufsteht um Kornnachschub zu besorgen ist keine Hilfe. Aber auch die 48 jährige Mutter von Jessica ist nicht gerade die optimale Stütze, hat sie doch vor allem ihr Aussehen und Männer im Kopf. Sie denkt an die Kindergeburtstage mit leckerer Biskuitrolle von Aldi und schaut immer mal wieder nach dem Rechten, aber die Kinder sind eigentlich sich selbst überlassen, denn Frau Wiegehals vom Jugendamt schüttelt nur den Kopf ist ansonsten aber passiv.
Jamie-Lees wirkliche Stütze ist ihre Freundin Ebru, die aus einer Immigrantenfamilien aus wohlgeordneten Verhältnissen kommt und immer zu ihr hält.

Dann verliebt sich Oma und will mit dem neuen Lover nach Polen. Ihr ist aber klar, daß sie die Kinder nicht mit ihrer Tochter alleine lassen kann. Also wird ein Selbstmordversuch fingiert, Jessica kurzerhand zwangseingeliefert zum Entzug und ab geht es für Oma nach Polen.
Jamie-Lee und Chucky wissen, daß sie jetzt der Dame vom Jugendamt bloß keinen Anlaß geben dürfen, misstrauisch zu werden. Aber es kommt alles anders, denn trotz der Mahnungen ihrer Oma, hat sie Mitleid als sie ein weinendes Mädchen mit 70 € vor dem Aldi sitzen sieht (wie kann man nur weinen, wenn man 70,- € hat?). Fee ist vor ihrer bösen Stiefmutter abgehauen, die sie in ein Luxusabnehminternat abschieben will, damit sie den Luxus an der Seite von Fees Milliardärspapa entspannter genießen kann und das pummelige Kind an ihrer Seite doch bitte keine Pressefotos mehr verunziert.

Fee findet in der 2-Zimmer Wohnung der Wagners Unterschlupf und staunt. Als jedoch ihr Bild im Fernsehen gezeigt wird, muß ihr Aussehen verändert werden. Bei dem erneuten Weg zum Supermarkt gabelt Jamie-Lee noch einen gebildeten Obdachlosen mit altersschwachem Jagdleopard (Gepard) namens Kröger auf und nimmt auch diesen mit.

Damit potenzieren sich die Probleme natürlich, aber gemeinsam versucht dieser wildgewürfelte Haufen diese zu lösen. Nicht immer optimal, dafür aber originell und loyal. Denn sie halten Zusammen, auch wenn sie eigentlich nichts gemeinsam haben. Auch die brave Ebru, trägt ihren Teil dazu bei.

Das Versteckspiel mit dem Jugendamt, die Kümmer-Anrufe von Oma aus Polen, das alles wird unheimlich heiter und unverdorben von Jamie-Lee erzählt. Trotz der wirklich traurigen Ausgangssituation ist das Buch sehr spannend und teilweise wie eine Screwball-Comedy urkomisch. Ich habe gerne weitergelesen und mich immerzu gefragt: wie mag das wohl ausgehen?

Es geht gut aus, unerwartet aber es läßt einen leicht und optimistisch zurück und ich hoffe sehr, daß es einige Leser in ihrer folgenden Jugend vom Alkoholmißbrauch abhalten wird, da es ohne erhobenen Zeigefinger auskommt. Denn auch wohlbehütete Kinder, die lesen, sind davor nicht gewappnet.

Ein wichtiges Buch, nicht ganz einfach, aber lohnenswert. Wenn meine Töchter 10 sind, sollten sie es unbedingt lesen! Ich werde es bis dahin sicher nicht vergessen haben!