Mittwoch, 23. Dezember 2015

Die Gestirne



Goldgräberromantik, Intrigen und
Verstrickungen im Zeichen der Sterne


Erschienen im: btb Verlag

Erschienen am: 07.11.2015

ISBN: 978-3-442-75479-3

Preis: € 24,99

Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag

Dieses hochgelobte Buch von Eleanor Catton machte die Autorin mit 28 Jahren zur bisher jüngsten Booker Prize-Trägerin. Die in Kanada geborene neuseeländische Autorin veröffentlichte das englischsprachige Original 2013 unter dem Titel The Luminaries. Die deutsche Übersetzung kam im November 2015 heraus.

Die komplexe Geschichte spielt im Neuseeland, Mitte des 19. Jahrhunderts, zu Zeiten des großen Goldrausches. Dachte ich zu Beginn noch, dass der frisch in der Goldgräberstadt Hokitika eingetroffene Mr Moody der Protagonist sein könnte, lernte ich nach und nach, dass der „Wir-Erzähler“ in seiner Erzählung ständig die Perspektive wechselt und uns hierbei indirekt aus Sicht und Wahrnehmung von mehr als einem Dutzend Hauptfiguren die Geschehnisse und nach und nach auch die Zusammenhänge darstellt.

Ins Auge fällt, dass die Länge der Kapitel genau wie die Länge der 12 Buchteile mit fortschreitender Geschichte immer weiter abnehmen und somit eine Referenz zum abnehmenden Mond herstellen. Zudem werden ständig Bezüge zu Sonne, Mond und Planeten Konstellationen hergestellt. Jedes Kapitel hat unter der Überschrift eine kurze Zusammenfassung, die interessanterweise in den letzten Kapiteln überproportional zunehmen.

Besagter Mr Moody trifft zu Beginn auf eine Versammlung von zwölf Männern, die verschiedener nicht sein könnten. Dies wird im Verlauf der Erzählung immer deutlicher. Ob der unehrliche Magnat Mannering, der investigative Journalist und Zeitungsherausgeber Löwenthal, ein chinesischer Opiumdealer, der engagierte und unternehmungslustige Geistliche Devlin oder der weise Maori Tauwhare – um nur einige zu nennen. Alle haben eines gemein, sie sind - ohne so recht zu wissen warum – in mysteriöse Geschehnisse rund um einen Komplott verstrickt. Mehr oder weniger gemeinsam, versuchen sie der Sache auf den Grund zu gehen. So präsentieren sich anfänglich ausgedehnte Szenen, die in keinem greifbaren Zusammenhang zu stehen scheinen. Doch immer wieder scheint es zentrale Verbindungspunkte über eine Hand voll Personen zu geben, die nicht Teil dieser ausgehenden Versammlung sind. Zum einen lesen wir immer wieder über einen offensichtlich verschlagenen und heimtückischen Frances Carver oder die begehrte, aber opiumsüchtige Hure Anna Wetherell. Des weiteren der scheinbar vom Glück beseelte, aber spurlos verschwundene Minenbesitzer Emery Staines, der alkoholkranke, verstorbene Einsiedler Crosbie Wells, die Trickbetrügern Lydia und der Politiker Lauderdall.

Die Charaktere sind hierbei fein, aber teilweise auf eine ambivalent verstörende Art ausgearbeitet. Hier gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Oft denkt man einen Charakter erfasst zu haben, um später eine ganz andere Persönlichkeit zu erkennen.

Wird dürfen in entbehrungsreiche Leben von Goldgräberpionieren schauen, bei denen das große Glück und der Absturz eng beieinander liegen, erhalten kleine Einblicke in die Gedankenwelt eines Maori sowie zweier emigrierter Chinesen. Wir begegnen einander (ent-)fremd(et)en Brüdern, nehmen Anteil an einer schicksalstiefen Liebe,  sehen menschliche Machenschaft und Manipulationen, Lug und Betrug, Naivität und Berechnung.

Die Gestirne erforderte vor allem zu Beginn meine volle Lesekonzentration. Mit stolzen 1.040 Seiten ist es zudem eine umfangreiche Lektüre. Der kunstvolle Schreibstil bereitete mir außerordentliche Lesefreude. Eleanor spielt hier mit zahlreichen Stilmitteln, die den Inhalt angenehm vertiefen. Trotz gehobenem Sprachniveau und komplexer Handlung lesen sich die Gestirne flüssig. An dieser Stelle auch ein großes Lob an die Übersetzerin. Auch wenn ich keinen direkten Vergleich mit dem Original ziehen kann, so erkennt man doch ihre detaillierte Einarbeitung in Materie und Stilistik.

Was mir sehr gut gefiel, aber sicher nicht jedermanns Sache ist, dass schlussendlich nicht alles aufgeklärt wurde und der Fantasie des Lesers ein wenig Freiraum gelassen wird.

Fazit:
Ein Buch der Extraklasse, das mit seinem Umfang und seiner Komplexität einen hohen Leseanspruch hat. Die Referenzen in die Astrologie geben dem Buch eine ganz besondere Note. Für mich ein tolles Lese-Highlight zum Jahresende 2015.